Meditation mit offenen Augen – der visuelle Weg zur Entwicklung des inneren Sinns |
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Feine Gesichtszüge und graue Betonblöcke, monotoner Verkehrslärm und schallendes Gelächter, kratzender Zigarettenrauch und reizendes Parfüm, süsse Baklava und scharfe Samosas, weiche Kissen und harte Bänke – was wir als unseren Alltag kennen, ist eine Flut von verschiedenartigen Informationen, die wir durch unsere fünf Sinne aufnehmen und im Gehirn zu einem ganzheitlichen Bild zusammensetzen. Die Sinnesorgane sind die Tore unseres Körpers, sie verbinden die Aussenwelt mit der Innenwelt und bestimmen in Abhängigkeit von unserem Bewusstseinszustand, wie wir diese Welt wahrnehmen. Kein Wunder, schenkten spirituell wache Menschen im Osten
wie im Westen ihren Sinnen seit jeher eine grosse Aufmerksamkeit.
Indische Philosophen etwa studierten sehr genau das Zusammenspiel
von Sinnesorganen, Sinnesobjekten, Denken und Bewusstsein – und
kamen darauf, dass eine ungezügelte Sinnestätigkeit
auf dem Weg zur Selbst- bzw. Gotteserkenntnis ein Hindernis
darstellt. So heisst es in der Bhagavadgita: „O Sohn
der Kunti, die Sinne sind ungestüm und beherrschen den
Geist sogar desjenigen Menschen, der um Unterscheidungsvermögen
bemüht ist.“ Sinnesglück gilt als trügerisch,
denn es sei „am Anfang wie Nektar und am Ende wie Gift.
Dieses Glück wird ‚Leidenschaft’ genannt.“ Die Meditation wird heute bei uns oft losgelöst von einer spezifischen Religion gelehrt, teilweise als therapeutisches Mittel gegen Stress, Anspannung, emotionale Probleme etc. Zweifellos wird das Praktizieren unsere Sinnestätigkeit stets von neuem beruhigen und einer Überreizung unserer Sinnesorgane, die uns unruhig und unzufrieden macht, entgegenwirken. Doch die Meditation geht über eine therapeutische Anwendung hinaus: Sie ist ein Mittel zum Zweck, eine Stufe, die zu mehr führen sollte: Der oder die Praktizierende versucht zu einer Erkenntnis der Welt und von sich selbst zu gelangen, die ungetrübt ist durch Gedanken und Gefühle. Der innere Sinn
Das Allsehende Auge am Aachener Dom. Obwohl dieser innere Sinn keine offensichtliche physiologische
Entsprechung hat, wird er von vielen Kulturen symbolisch
in seinem visuellen Aspekt dargestellt, dem dritten Auge.
In den östlichen Religionen symbolisiert das dritte
Auge göttliche Weisheit und Befreiung; berühmt
ist seine tantrische Entsprechung im zweiblättrigen
Anja Chakra zwischen den Augen. Im Christentum kann das „einfältige“ oder „durchlässige“ Auge
bei Mt. 6, 22 sowie das göttliche allsehende Auge in
einem Dreieck als drittes Auge verstanden werden. Und selbst
in der westlich-wissenschaftlichen Tradition gibt es Vorstellungen
von einem inneren Auge, welches mehr wahrnehmen kann als
die üblichen optischen Reize. Dieses wird mit bestimmten
Hirnbereichen wie der Zirbeldrüse assoziiert.
Die Beziehung zwischen Wahrnehmung, Seele und Zirbeldrüse
nach René Descartes. Meditation zur Entwicklung des inneren Sinns Grobstoffliche Meditationsobjekte Die einfachste Übung des Doppelns ist das Schauen auf
die Nasenwurzel, nach der Art indischer Yogis. Das konzentrative
Schielen kann aber auch auf Gegenstände geschehen. So
berichtet z.B. Carlos Castaneda vom „Gaffen“,
einer Sehtechnik, die zunächst die Fixierung des Blicks
auf einen Gegenstand meint, ähnlich wie die yogische
Reinigungsübung Trataka. Manchmal wird sie aber mit
einem Schielen kombiniert, wo der oder die Übende die
zwei Bilder auseinander schiebt und dadurch zwei gleich geformte
Gegenstände übereinander lagert. Die Konzentration
auf diese Überlagerung synchronisiert die beiden Bewusstseinshälften
und erzeugt bei regelmässiger Praxis eine Tiefenwahrnehmung,
die den Übenden in andere Sphären des Bewusstseins
trägt.
Die Tafeln von Chartres. Die feinstofflichen Objekte: Subjektive visuelle Phänomene Meditation über bewegliche Punkte und Fäden
Bewegliche transparente Punkte und Fäden im Blickfeld. Wer diese Punkte und Fäden sehen kann, hat ein erstklassiges Meditationsobjekt zur Hand: Sie bilden bei jedem von uns ein individuelles Muster und sind somit ein unverwechselbarer Ausdruck unserer Selbst, so wie ein Daumenabdruck. Wir brauchen sie nicht mit uns herumzutragen und können trotzdem über sie meditieren, wann und wo wir wollen – ein kraftvoller Augenaufschlag genügt um sie in unser Blickfeld zu holen. Die Meditation über unsere Punkte und Fäden ist zudem eine Meditation mit offenen Augen, die als solche den Vorzug hat, uns wach zu halten und uns mit der Energie des Tageslichtes zu versorgen. Die erste der vier Stufen des Meditationsprozesses nach
Patanjali ist das Zurückziehen der Sinne. Dies bedeutet,
dass wir die Objekte des inneren Sinnes, die Punkte und Fäden,
in unser Blickfeld holen und bewusst auf sie schauen. Dabei
passiert es, dass wir unsere fünf Sinne von den materiellen
Sinnesobjekten zurückziehen und die Energie, die sie
normalerweise für ihr Funktionieren brauchen, in den
inneren Sinn leiten. In dieser ersten Stufe kundschaften
wir unsere Punkte und Fäden aus, lernen ihre Formen,
Konstellationen und Bewegungen kennen, sehen, dass es Punkte
und Fäden im linken wie im rechten Bewusstsein gibt,
und dass wir uns immer nur auf eine Seite konzentrieren können. Mit zunehmender Erfahrung im Sehen erreichen wir die zweite Stufe, die Konzentration. Sie zeigt sich darin, dass wir diese Punkte und Fäden besser und länger im Blickfeld halten können, und dass sie allmählich kleiner, schärfer und leuchtender werden. Auch Patanjali spricht in mehreren Versen von der Steigerung des Lichts, das in der Meditation geschieht und nennt das strahlende Licht als möglichen Konzentrationsgegenstand, welcher zum Wissen um das Subtile führe. Dieses Licht kann in den Punkten und Fäden direkt gesehen werden, weshalb Nestor von einer Leuchtstruktur spricht. Gelingt es uns, die Punkte und Fäden längere Zeit ohne Neuausrichtung des Blicks festzuhalten, haben wir die Stufe der Meditation erreicht. Die Punkte sind nun ruhig, fliessen nur noch wenig und leuchten klar. Unsere Aufmerksamkeit ist nun ununterbrochen auf die Punkte und Fäden der rechten oder der linken Seite ausgerichtet, der innere Sinn dominiert die fünf physiologischen Sinne. In der letzten Stufe, der Kontemplation, ruhen unsere fünf
Sinne nun vollends. Der innere Sinn ist vollständig
erwacht und lässt uns unmittelbar und mit grosser Intensität
die wahre Bedeutung dieser Kugeln und Fäden und ihre
Beziehung zu uns selbst erkennen und fühlen. In der
indischen Philosophie hat die kontemplative Erkenntnis oft
eine mystische Qualität, insofern der Seher mit dem
Gesehenen identisch wird und dabei die befreiende Erkenntnis
seines wahren Selbstes erfährt. Literatur Carlos Castaneda: Die Reise nach Ixtlan, Frankfurt a. M. (Fischer) 1972 Pierre Derlon: Die Gärten der Einweihung, Basel (Sphinx Verlag) 1978 T. K. V. Desikachar: Yoga. Tradition und Erfahrung. Die Praxis des Yoga nach dem Yoga Sutra des Patañjali, Petersberg (Via Nova) 1997 J. D. Lewis-Williams / T. A. Dowson: The Signs of All Times, in: Current Anthropology, vol. 29, nr. 2, April 1988 George Pennington: Die Tafeln von Chartres. Die gnostische Schau des Westens, Düsseldorf (Patmos) 2002 Floco Tausin: Mouches Volantes. Die Leuchtstruktur des Bewusstseins, Bern (Leuchtstruktur Verlag) 2004 http://en.wikipedia.org/wiki/Third_eye http://en.wikipedia.org/wiki/Eye_of_Providence http://hometown.aol.de/_ht_a/mcmanis31/Uni/das_selbstwertgefuehl_bei_kindern-Teil5.htm http://www.familie-greve.de/modules.php?op=modload&name=News&file=article&sid=110 http://home.arcor.de/ralflehnert/id53.htm |