Dr. Vijai Shankar - »Spirituelle Erfahrungen«
   
 

Spirituelle Erfahrungen werden für sichere Wegweiser auf dem Weg zu Erleuchtung gehalten. Alle, die von der Idee beseelt sind, spirituelle Erfahrungen führten zu Erleuchtung, verspüren eine große Sehnsucht nach solchen Erlebnissen. Diese werden dann anderen lebhaft und wortreich beschrieben. Es gibt viele Übungen, um spirituelle Erfahrungen zu machen – allerdings sollte man stets daran denken, dass Erleuchtung ein Zustand jenseits aller Erfahrung ist!

Was ist nun eine spirituelle Erfahrung? Spiritualität hat immer etwas mit Gott zu tun, und unter Erfahrung versteht man, dass man bestimmte Ereignisse kennt. Eine spirituelle Erfahrung muss also Gott betreffen, d.h., die Erfahrung ist entweder Gott selbst oder Gott macht solche Erfahrungen. Falls die Erfahrung an sich Gott ist, sollte eine einzige Erfahrung ausreichen, um Erleuchtung zu erlangen; denn sobald die Gotteserfahrung gemacht wurde, wird sie für immer sein, da Gott Wirklichkeit ist und Wirkliches niemals verschwinden kann. Allerdings kann man feststellen, dass vielerlei spirituelle Erfahrungen beschrieben werden. Das beweist, dass Gott nicht die anfängliche Erfahrung sein kann, und somit die spirituelle Erfahrung nicht Gott ist. So hat es also keinen Sinn, weitere derartige Erfahrungen zu machen, wenn bereits die erste Erfahrung nicht Gott ist. Es verbleibt noch die zweite Möglichkeit, dass nämlich Gott Erfahrungen macht, die dann spirituell genannt werden. Das wäre katastrophal, hätte es doch zur Folge, dass auch Gott ein Ego hat, das Erfahrungen macht! Und natürlich würde sich dann Gott ebenfalls um Erleuchtung bemühen. Damit brächte Er sich aber in die gleiche missliche Lage, in welcher sich der Mensch befindet, denn dieser Gott würde einen weiteren Gott erschaffen, der entweder die Erfahrung ist oder Erfahrungen macht. Dieser rückläufige Prozess nähme kein Ende!

Wie bestimmt man nun, was eine spirituelle Erfahrung ist? Welche Kriterien könnte es geben, die eine Erfahrung als spirituell kennzeichnen? Wer hat Gott je getroffen, sodass er wissen könnte, ob Gott Erfahrungen macht oder die Erfahrung selbst ist? Kann der Mensch überhaupt wissen, wie man Gott findet? Wenn er es wüsste, so bestünde eigentlich keine Notwendigkeit mehr, Übungen zu machen, um Ihn zu finden! Und weiter, wer würde die Erfahrung machen? Offensichtlich das Ego! Das Ego beruht aber auf einer Illusion, und darum sind alle seine Erfahrungen dazu verurteilt, falsch zu sein, weil sie nicht von Dauer sind. Das lässt auch die spirituellen Erfahrungen zu etwas Falschem werden. Oder ist das Ego derart mächtig, dass es spirituelle Erfahrungen machen und Gott begegnen kann? Selbst wenn es das wäre, wie könnte das Ego Gott erkennen, dem es doch nie zuvor begegnet ist? Das Ego kann nur jemanden (wieder)erkennen, dem es schon begegnet ist und den es bereits kennt. Doch wenn es Gott schon kennt, warum sollte es Ihn dann noch kennen lernen wollen? Wenn das Ego Gott erfahren könnte, würde das nur bedeuten, dass Gott nicht überall ist!

Also gibt es so etwas wie spirituelle Erfahrung nicht! Gäbe es sie, müssten alle Erfahrungen spirituell sein; denn es lassen sich keine Kriterien finden, um zwischen spirituell und nicht spirituell unterscheiden zu können. Gott ist keine Erfahrung, die im Verstand vonstatten geht: Gott ist allein die Präsenz allgegenwärtiger Lebendigkeit! Diese Lebendigkeit ist im Jetzt, und sie kann durch das Ego niemals erfahren werden, da das Ego niemals im Jetzt anzutreffen ist. Soweit zur Illusion von Erleuchtung!
Können Erfahrungen jemanden zu Erleuchtung führen? Erfahrung bedeutet die Kenntnis von Ereignissen. Dieses Wissen liefert offensichtlich der Verstand. Folglich werden Erfahrungen im Verstand gemacht. Aber der Verstand ist die Vergangenheit, und alles Vergangene ist tot. Damit sind auch alle Erfahrungen tot. Wie sollten einen aber tote Erfahrungen zu Erleuchtung führen – einem Zustand, der bezeichnend für Lebendigkeit ist!
Was könnte nun jene Kenntnis sein? Was ist es, das das Ego erfahren kann? Die Kenntnis muss etwas mit Sehen, Hören, Geruch, Geschmack, Wärme, Kälte, körperlichen Schwingungen, dem Fühlen von Energie, Liebe, sich Vorstellungen machen von Gott und Berührung zu tun haben. Ist es nicht merkwürdig, dass viele spirituelle Erfahrungen mit Wärme und Licht zu tun haben? So wird etwa die Erfahrung, dass etwas Warmes die Wirbelsäule emporsteigt, für spirituell gehalten. Kälte hingegen wird als nicht spirituell angesehen. Die Mehrzahl solcher Erfahrungen ist jedoch visueller Art: So gilt das Sehen von Farben, insbesondere von Blau, als spirituell. Hören spielt in diesem Zusammenhang eher selten eine Rolle, ebenso Schmecken und Riechen. Doch körperliche Schwingungen gelten wieder als spirituell.

Berührung wird eher nicht für spirituell gehalten, obwohl sich der Mensch nach der Berührung Gottes sehnt. Und sollte es eine derartige Berührung schon gegeben haben, so ist davon nichts bekannt geworden. Der Mensch fasst nur Götzenbilder an und stellt sich dabei vor, Gott berührt zu haben – einen Abgott, den er sich selbst geschaffen hat. Könnte der Mensch Gott erschaffen, wäre er selbst Gott. Worin bestünde also die Notwendigkeit, sich erst ein Bild von Gott zu machen und es dann zu berühren, als sei es Gott? Ebenso gut könnte der Mensch sich selbst berühren – und allein durch diese Handlung hätte er Gott berührt. Das Paradox ist, dass er damit tatsächlich Gott berührt hat, da Gott als Mensch erscheint und daher alles, was der Mensch anfasst, nur Gott sein wird, der sich selbst als Mensch berührt. Aus reiner Unwissenheit verabscheut der Mensch Berührung, wobei er sich nicht bewusst ist, dass diese Sinnesempfindung Gott ist.
Es ist wichtig zu verstehen, dass Erfahrungen in Form von Sinnesempfindungen im Verstand existieren. Empfindungen sind nichts als Gedanken. Deshalb kann der Mensch das Bett, auf dem er schläft, nicht mehr spüren, sobald der Wach- in den Schlafzustand übergeht. Wären Sinnesempfindungen real und vom Körper wahrnehmbar, müsste man die Beschaffenheit des Bettes immer spüren. Da das aber nicht so ist, ist damit der Beweis erbracht, dass Sinnesempfindungen nur als Gedanken im Verstand existieren...

Auszug aus dem Buch:
„Die Illusionen des Lebens”
von Dr. Vijai S. Shankar,
Deutsche Ausgabe Mai 2008

© Alle Rechte vorbehalten
Weitere Inforamtionen: www.advaitapublications.com

 

zum Programm des Rainbow-Spirit-Festivals
 

 

zurück zum Inhaltsverzeichnis


zum Programm des Rainbow-Spirit-Festivals


zum
online-Shop

 



Dr. Vijai S Shankar
ist einer der konsequentesten
Vertreter des Advaita - der
Lehre von der Non-Dualität. Er wurde insbesondere von Sri Nisargadatta Maharaj und Sri Ramana Maharshi inspiriiert.
Dr. Shankar gab seinen Beruf als Mediziner und Wissen-schaftler auf, um seine
Erfahrung der Wahrheit mit anderen zu teilen.

Infos: b.lauter@t-online.de

Festivaltermine:
So. 13.30 Uhr Rose und
Mo. 10.00 Uhr Lilie