Jürgen Fliege - Es gibt nur Deinen und Meinen Weg |
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Interview mit Jürgen Fliege, am 15. Januar 2007 anlässlich der Deutschen Wellnesstage in Baden-Baden Das Interview führte Rose Schweizer Was hat sie dazu bewogen, den Therapieratgeber “Sanfte Medizin – Wege aus der Krebskrise” herauszugeben? Da gibt es viele Gründe. Die erschreckende Zahl von 400.000 Neuerkrankungen in Deutschland geben Anlass, dem Krebs auf die Spur zu kommen.
In zehn, zwölf Fernseh-Jahren sind eine Menge Therapeuten an mir vorbei gezogen. Wie gehen die Menschen damit um? Da macht man viele seelsorgerliche Beobachtungen. Männer gehen anders damit um wie Frauen. Männer werden noch stiller, das liegt in der Natur des Mannes. Der Seelsorger ist anders als der Mediziner. Er ist dafür verantwortlich, dass Menschen ihr Leben versuchen anzunehmen, so wie es ist. Ganz egal, welches Schicksal sie tragen müssen, ob sie beispielsweise ein krankes Kind zeugen, unheilbar krank werden, und, und, und. Welchen Anteil nimmt die seelsorgerliche Arbeit ein, gemessen an den schulmedizinischen oder alternativen Therapien? Einen riesigen. Es gibt keine Krankheit, die mehr mit dem Tod verknüpft ist, als Krebs. Da hört man sofort eine tickende Zeituhr, die sowieso in einem schlummert. Aber auf einmal wird die ganz laut und sagt, egal wer du bist: Der Tod klopft an. Dann kommt die nächste Stufe: Wird darüber in der Partnerschaft, der Familie oder mit dem Seelsorger geredet: Ja oder nein? Und dann macht der Seelsorger immer die gleiche Erfahrung: Im Angesicht des Todes kann man ganz andere Dimensionen aufschlagen, als wenn man über Husten und Schnupfen spricht. Es geht darum Lebensbilanzen zu ziehen und auch zu gucken, wie geht man mit seinem Leben um. Das sind erst einmal die ersten seelsorgerlichen Fragen. Was raten Sie einem Menschen, der unmittelbar in dieser Sekunde von seiner Diagnose erfährt? Spazieren gehen, er muss spazieren gehen! Das geht sofort los, das Mühlrad im Kopf. Wie kann die Familie helfen? Die Familie ist immer betroffen. Bei jeder Krankheit, denn Krankheit hat drei Dimensionen: eine körperliche, eine seelische und eine soziale. Das Soziale heißt: Krankheit isoliert, Krankheit macht auf sich aufmerksam. Sie ist ein Instrument der Seele, irgendetwas auf den Weg zu geben. Und damit ist die Familie betroffen, nicht nur im Sinne, wie man mit dem Kranken umgeht, sondern die Familie muss sich gemeinsam fragen: “Müssen wir etwas ändern, die Wohnung wechseln, die Ernährung umstellen oder Streit bereinigen?” Ihr Rat heißt also: Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation? Ja, das heißt aber nicht quatschen, quatschen, quatschen, sondern auch gemeinsam essen, spazieren gehen. Reden muss man nur ein bisschen. Es kann aber auch sein, dass man etwas ganz anderes machen muss. Die Hauptarbeit bei einer solch' lebensbedrohlichen Krankheit ist vergeben, vergeben, vergeben.
Wo ist Gott, wenn es ans Sterben geht? Gott ist nicht der, der das Leben nach unseren Wünschen ordnet. Er schenkt Kinder mit offenem Rücken, Regen Sturm, Orkane Windstärke 12 und weggewehte Häuser. Wenn man überhaupt eine Beziehung mit seinem Leben aufnehmen will, und so würde ich mal Religion beschreiben, muss man es deuten können. Wo will das Leben mich hinführen, wo ist mein Ziel, was ich noch nicht kenne? In diesen Fragen steckt auch die Gnade. Denn in dem Augenblick, wo das Leben um 90 Grad auf die eine Seite kippt, muss ich jetzt nicht mehr fragen: Warum ist es mir passiert, das muss ich nicht mehr rauskriegen. Sondern: ich kann mich fragen:” Zu welchem Ziel ist mir das passiert?” In diesem Moment soll man sich wie ein Kind benehmen: weinen, trauern, denn der Plan des Lebens ist selten so nah wie jetzt. Dann muss man nicht mehr schreien, sondern Ja und Amen sagen zu dieser Krankheit. Das ist die Chance, das Leben zu vertiefen und es in einer tieferen Dimension zu erfahren. Wie hilft das Beten? Wir machen in unserer Lebensgeschichte verschiedene Statien des Betens durch. Das Kind betet um das Geschenk an Weihnachten, der Jugendliche betet um eine gute Note. Das ist schon Geist. Und der 20-Jährige sagt egoistisch: “Ich will siegen!” Beim 40-Jährigen ist es auchnoch so. Mit 60 Jahren etwa wird man mütterlich, da gilt es nur noch zu beten: “Ich möchte, dass du mich eines Tages aufnimmst!” “Sag mir was du betest und ich sage dir, wie weit du gewachsen bist!”, dieses Zitat stammt von Ihnen. Können Sie es genauer erläutern? 'Das Vater unser' ist eine Aneinanderreihung von zehn Gottesnamen. Die darf man nicht nur einfach so herunter beten, das bringt die Menschen nicht weiter. 'Das Vater unser' muss man meditieren und hinein lauschen. Wenn man mit Kranken redet, muss man sie zu Lauschenden machen. Die Ordnung des Lebens ist gerade dann ganz nah. Was machen Sie, wenn es Ihnen schlecht geht? Wenn ich Angst habe, dann verkriech ich mich und wenn das nicht hilft, dann stehe ich auf und gehe – mitten in der Nacht – spazieren, wandere zwei Stunden durch die Nacht bis ich das gefunden habe was ich machen soll und was ich nicht machen soll. Sind Sie auf dem richtigen Weg? Das weiß ich nicht, aber ich bin auf meinem Weg. Für Menschen gibt es keine Umwege. Es gibt keinen richtigen oer falschen Weg. Sondern nur Deinen und meinen Weg. Wie kann ein kranker Mensch die richtige Therapie für sich herausfinden? Heutzutage geht man ins Internet und informiert sich. Ein guter Rat ist auch zu einem Arzt zu gehen, der aber nicht behandeln soll, nur beraten. Er soll drei bis fünf Wege aufzeichnen, alternative Therapien und auch die schulmedizinischen. Wo fängt Scharlatanerie an und wo hört sie auf? Scharlatanerie fängt an, wo man die Hand aufhält und sagt ich will das und das haben. Wo man das Gefühl hat, hier wird meine Notlage ausgenutzt. Scharlatanerie ist aber nicht, wenn ihre Nachbarin für sie betet. Dann nutzt sie die Zeit, dir gut zu sein. Einem Scharlatan geht es um mein Geld und nicht um mein Heil. Was passiert gerade in den Arzt-Praxen? Ich habe die Erahrung gemacht, dass immer mehr Menschen nur noch zu einem Doktor gehen, der sie versteht. Hier kommt über die Patienten ein neues Bewusstsein in die Ärzte. Diese neue Entwicklung kommt nicht von den Universitäten. Die Menschen lehren den Ärzten und Pfarrern wo es künftig lang geht. |
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