Saleem Matthias Riek Was ist Tantra? Die Wurzeln des Tantra reichen mindestens 5.000 Jahre zurück. Verschiedene Richtungen haben sich zu verschiedenen Epochen vor allem im indischen Kulturraum und im Himalaya entwickelt. Sowohl im Hinduismus als auch im Buddhismus existieren tantrische Traditionen, die meistens durch direkte Übertragungslinien von Meister zu Schüler weitergegeben wurden. Tantra ist bekannt als eine der wenigen spirituellen Richtungen, die Körperlichkeit, sinnliche Lust und Sexualität nicht als Hindernisse für eine geistige Entwicklung, sondern als Katalysator auf dem Weg zur Erleuchtung ansehen. Nicht alle traditionellen Tantra-Schulen haben jedoch Sexualität auch konkret in Form von Ritualen praktiziert (das sogenannte linkshändige Tantra). Das Tantra der rechten Hand praktizierte statt dessen Visualisierungen und eher symbolische Handlungen. Die meisten der Praktiken blieben jedoch über Jahrhunderte geheim und die Gelehrten sind sich häufig nicht einig, ob die oft blumigen Beschreibungen sexueller Praktiken symbolisch oder konkret gemeint waren. Im Westen erlebt Tantra seit einigen Jahrzehnten eine Renaissance, wobei das Spektrum hier von einfachen sinnlichen Gruppenaktivitäten bis hin zu enorm herausfordernden spirituellen Einweihungswegen reicht. Die meisten der im Westen heute bekannten Tantraschulen gehen auf den indischen Mystiker Osho zurück, der zuweilen auf sehr provozierende Weise östliche Weisheitslehren und westliche humanistische Therapieformen zusammenbrachte. Von ihm sind die bekannteren Tantraschulen Skydancing (Margo Anand), Orgoville (Gabrielle St. Clair und Michael Plesse) und The Art of Being (Alan Lowen) maßgeblich inspiriert, deren Schüler wiederum eigene Institute und Ableger gegründet haben. Tantra geht vom Wortstamm auf die Sanskrit-Silbe Tan zurück, was soviel bedeutet wie verweben. In tantrischer Sicht sind alle Phänomene unserer Existenz miteinander verbunden, und es gibt kein besser oder schlechter, kein gut und böse, sondern es gibt nur verschiedene Grade an Bewusstheit über die Zusammenhänge. Mit höherer Bewusstheit begreifen wir, dass jede unserer Handlungen letztlich auf uns selbst zurückfällt. Im Tantra löst sich daher die christlich-abendländische Spaltung von heilig und sündig, von egoistisch und altruistisch auf zugunsten einer ganzheitlichen Erfahrung des Einsseins, des Verbundenseins mit allem was ist. Die tantrische Sichtweise hat weitreichende Konsequenzen für alle Bereiche menschlichen Lebens. Besonders jedoch die typischen Spaltungen der westlichen Zivilisation zwischen Geist und Körper, zwischen Sexualität und Spiritualität oder Religion, zwischen Herz und Verstand und zwischen Herz und Sex können sich in einem tiefgreifenden, erlebnisreichen Prozess des Annehmens verwandeln und heilen. Tantra eignet sich für Menschen, die sich in ihrem ganzen Gefühlsspektrum tiefer kennen lernen und annehmen lernen wollen, ohne dabei die erotische und sexuelle Dimension des Erlebens auszugrenzen. Tantra ist zwar keine Therapieform im engeren Sinne, hat aber durchaus vielfältige heilsame Wirkungen. Besonders im Bereich des Körperbewusstseins, des sinnlichen und erotischen Selbstbildes, der Liebes- und Beziehungsfähigkeit und einer gesteigerten Lebendigkeit im allgemeinen kann Tantra sehr hilfreich sein. Nicht alle, die an Tantrakursen teilnehmen, sind auch an ihrer spirituellen Weiterentwicklung interessiert, obwohl darin sicherlich der wesentliche Aspekt des Tantra zu finden ist: In der Rückverbindung mit dem Göttlichen, mit der Existenz, die sich ganz konkret im Hier und Jetzt vollzieht. Tantra bleibt auch in diesem Bereich undogmatisch. Es werden keine Glaubenssätze gelehrt, sondern konkrete Erfahrungen induziert, dies es dem einzelnen Mann, der einzelne Frau und dem einzelnen Paar ermöglichen, selbstverantwortlich die eigenen Konsequenzen daraus zu ziehen. Tantra wird heute im Westen in vielfältigen Kursen und Seminaren auf dem freien Markt angeboten. Die meisten Anbieter sind dabei konfessionell und strukturell unabhängig. Daneben gibt es mehr im Verborgenen auch Tantraschulen und Einweihungswege im Rahmen des Buddhismus, vor allem tibetischer Tradition. Die hinduistischen Schulen sind hierzulande kaum vertreten. Tantrische Aspekte und Methoden finden sich heute jedoch in einer Vielzahl von therapeutischen Ansätzen wieder, ohne dass sie immer als solche benannt werden. Die bekannteren und öffentlich zugänglichen Tantraschulen bieten ihre Seminare meistens in Form von Abendgruppen, Wochenendkursen oder auch in längeren Trainings an, die dann oft in ausgesuchten Tagungshäusern auf dem Land stattfinden. Dabei kommt ein großes Spektrum an erlebnisaktivierenden Verfahren zur Anwendung wie Körperarbeit, bewusstes Atmen, Encounterstrukturen, Energiearbeit, Tanztherapie, Meditationen, sinnliche Rituale und vieles mehr. Der Schwerpunkt kann dabei variieren, manche Anbieter fokussieren sehr stark auf das sexuelle Thema, andere integrieren dieses mehr in ein ganzheitliches Spektrum von Begegnung und Erfahrung. Auch das Maß an Intimität, das im Rahmen einer solchen Gruppe erlebt wird, kann stark variieren. Bei den meisten Tantraseminaren findet kein direkter sexueller Kontakt im Gruppenraum statt. Nacktheit ist in manchen Übungen zuweilen möglich oder empfohlen, sollte aber niemals Pflicht sein. Allen Kursen gemeinsam ist, dass der Körper als unmittelbares Resonanzorgan einbezogen wird, d.h. Tantraseminare sind keine abgehobenen Philosophiezirkel, sondern lebendige Erfahrungsräume. Menschen mit schwerwiegenden psychischen Erkrankungen brauchen in der Regel ein höheres Maß an individueller Betreuung als es in einem Tantraseminar der Fall sein kann. Die therapeutische Vorbildung von Tantralehrerinnen und -lehrern ist zudem sehr unterschiedlich, und bei manchen ist zweifelhaft, ob sie mit all den Prozessen, die sie in Gang bringen, wirklich verantwortlich umgehen können. Vor allem Gruppen, in denen die individuellen Grenzen der Teilnehmenden nicht unterstützt und respektiert werden, können zuweilen sogar gefährlich werden. Tantra wirkt sehr tiefgreifend und braucht daher auch die Fähigkeit und die Bereitschaft des Lernenden, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und auf diese Weise den eigenen Prozess zu steuern. Dennoch sollten Interessenten darauf gefasst sein, dass sich eine Öffnung zu mehr Lust, Liebe und ganzheitlichem Bewusstsein kaum je ohne tiefe Krisen vollzieht Diese Krisen werden aus tantrischer Sicht deswegen früher oder später auftauchen, damit auch die Schattenseiten angenommen werden können, die zum Ganzsein dazu gehören. Eine besondere Art der Vermittlung von Tantra sind sogenannte Tantramassagen. Dahinter verbergen sich sehr verschiedene Angebote, angefangen von Energiemassagen über sinnliche und erotische Ganzkörpermassagen bis hin zu schlicht und einfach Prostitution. Sowohl Singles als auch Paare, die ihr Liebesleben entwickeln und bereichern möchten und diese Entwicklung auch zum Ausgangspunkt ihres ganzheitlichen, menschlichen und spirituellen Wachstums nehmen möchten, sind beim Tantra genau richtig. Eine gewisses Maß an Neugier auf sich selbst und auf die menschliche Natur in ihrer Vielfalt, Kraft und Verletzlichkeit sind sehr von Vorteil. Auch konkrete Symptome wie reduzierte sexuelle Erlebnisfähigkeit, Einsamkeitsgefühle, Partnerschaftsprobleme und psychische und psychosomatische Störungen können durch Tantra einer Heilung näher gebracht werden. Allerdings ist all dies eher als eine erwünschte Nebenwirkung zu betrachten, denn im Kern geht es im Tantra nicht um das Beseitigen von Symptomen, sondern um das Annehmen des Lebens in allen seinen Facetten, in jedem einzelnen Moment. Weitere Informationen finden Sie unter http://www.art-of-being.de/texte.phtml
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