”Das Zen des Fleisches, das Fleisch des Zen”

Ein Gespräch mit dem spirituellen Lehrer OM C. Parkin über ”Innere Arbeit und

spiritueller Weg”.

Im advaita Journal Vol.5 erläuterte OM C. Parkin, spiritueller Lehrer und Therapeut aus Hamburg, was er unter ”Innerer Arbeit” versteht und welche Bedeutung diese für westliche Suchende hat. Er wies auf die Notwendigkeit hin, sich in dieser ”kleinen Selbsterforschung” der Konditionierungen unseres denkenden Geistes bewußt zu werden, um Raum für die ”große Selbsterforschung”, der Suche nach unserer wahren Natur, zu schaffen.

Was aber geschieht in diesem von allen Suchenden so leidenschaftlich herbeigesehnten Augenblick der Begegnung mit sich SELBST? Sind alle Probleme dann gelöst, das Leiden endgültig ausgelöscht, die ewige Seligkeit endlich erreicht? Wahrscheinlich gibt es so viele märchenhafte Vorstellungen vom Erwachen zur wahren Natur, wie es Suchende gibt. Das Ich-Bewußtsein bläht sich in eine phantasierte vermeintlich absolute Leere aus, (was immer das auch sei), in der Allmacht, Allwissen und Unverletzbarkeit über die Weite des erleuchteten Himmels strahlen.

In dem nachfolgenden Gespräch räumt OM C. Parkin mit diesem Mythos gründlich auf. Jede Vorstellung dessen, was Erwachen sein könnte, ist schon durch die Tatsache, daß es eine Vorstellung ist, falsch. Daher ist auch jede Vorstellung dessen, was nach dem Erwachen geschieht, ein Irrtum. Vor allem die Vorstellung, ein endgültiger, unveränderlicher Zustand sei damit erreicht worden.

F       ”Dem Absoluten zu begegnen bedeutet noch nicht Erleuchtung.” Das ist ein Satz aus einer buddhistischen Sutra. Angesichts der angeregten und verbreiteten Diskussion in Kreisen spirituell Suchender über das Erwachen und dem vermehrten Auftauchen von Menschen, die sich als ”erwacht” bezeichnen, möchte ich Dich bitten, diesen Satz näher zu erläutern.

OM       Zunächst möchte ich den Begriff ”Erleuchtung” aus unserem Gespräch verbannen. Er ist zu stark mit einem Mythos behaftet. ”Erwachen” ist angemessener, obwohl auch dieser Begriff, dadurch, daß er viel in den Mund  der Unwissenheit genommen wird, seine Kraft verliert, wirklich auf das zu deuten, was IST. Trotzdem liegt dem ”Erwachen” die stimmige Metapher des Schlafes zugrunde. Im spirituellen Kontext ist damit der Schlaf des Bewußtseins gemeint. Was macht Schlaf eigentlich aus?

F       Im Schlaf sind wir nicht im Bewußtsein unserer selbst.

OM       Mehr noch: Man könnte Schlaf auch als die Unbewußtheit der Unbewußtheit bezeichnen. Folglich paßt das Bild des Schlafes für den alltäglichen Bewußtseinszustand des normalen Menschen recht gut, somit auch das Bild des Erwachens aus einem Schlaf. Aber was ist spirituelles Erwachen wirklich? Wenn man die Spuren des Verständnisses von Meistern verschiedener Traditionen und Generationen verfolgt, so scheint sich kein sehr einheitliches Bild daraus zu ergeben. In Amerika wird sogar eine Zeitschrift herausgegeben mit dem Titel ”What is Enlightenment?”, die sich der Erforschung dieser Frage widmet. Vermutlich ist sie bisher zu keiner befriedigenden Antwort gelangt.

 

F       Es ist seltsam, daß es eine Reihe von Menschen gibt und gegeben hat, die sich als erwacht bezeichnen, und die trotzdem keine klare Antwort auf diese Frage: ”Was bedeutet es, zu ”erwachen”? geben können.

OM       Sie haben immer Antworten gegeben, aber der Verstandes-Geist konnte oder wollte sie nicht hören, sondern verstehen.

C       Somit ist die Frage für Menschen auf dem spirituellen Weg immer noch ungeklärt.

OM       Weil sie nicht zu klären ist! Jedenfalls nicht für den denkenden Geist. Je öfter er diese Frage stellt, desto mehr Widersprüche tun sich für ihn auf. Die eigentliche Frage ist nämlich: Wer versucht sie zu klären?

 Doch ich möchte auf dein Zitat aus der Sutra zurückkommen - dem Absoluten zu begegnen bedeutet noch nicht Erleuchtung.  Und ich möchte eine Unterscheidung einführen, die zu einer Klärung beitragen kann. Ich unterscheide zwischen dem zeitlosen Erwachen in das Absolute, der Realisation und dem Prozess der Befreiung in der Zeit.

 Es gibt Menschen, die eine starke Begegnung mit dem Absoluten erfahren haben, denen der ”Schock des Absoluten” widerfahren ist. Ich selbst habe durch einen Autounfall und den anschließenden Zustand des klinischen Todes den Schock des Absoluten erfahren. Als ich in das relative Wachbewußtsein zurückkehrte, kehrte damit nicht die relative Welt zurück. Die Begegnung mit dem Absoluten wirkte wie ein schwarzes Loch, das die gesamte relative Welt, auch die feinstoffliche relative Welt, in sich aufsog und verschlang. Ich lebte einige Jahre in einem Zustand des Verschmolzenseins mit dem Absoluten und des völligen Desinteresses an der relativen Welt. Das hatte eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Körper zur Folge, gegenüber anderen Menschen sowieso. Es wurde nicht so extrem wie es von Ramana Maharshi überliefert ist, der vollkommen teilnahmslos in den Katakomben eines Tempels saß, während sein Körper von Insekten zerfressen wurde. Aber es war die gleiche Teilnahmslosigkeit. Leben oder Tod, es war egal, es war eins. Nichts existierte wirklich, Menschen wandelten wie leere Hüllen, alles war leer, befreit von Sinn und Bedeutung. Nur Leere.

1991 flog ich in diesem Zustand zu Sri Poonjaji nach Lucknow in Indien. Ich war fasziniert von Menschen, die kamen, sahen und wieder ihres Weges gingen. Sie kamen zu einem Satsang*, erkannten ES und gingen wieder. Es war einfach zauberhaft.

Der gesamte spirituelle Weg erschien absurd, überflüssig. Wozu die ganze Mühe? Du bist schon, der du bist! Es gibt nichts zu suchen. Alles schien so unendlich einfach.

 Ich begann damals schon Satsang zu geben und auf die Frage ”Was ist der Sinn des menschlichen Daseins?” hätte ich geantwortet: ”Das Erwachen in die absolute Natur des SEINS”. Im Laufe der folgenden Jahre tauchte aus dem Absoluten ganz von selbst, in der Vertiefung der Erkenntnis ohne ichhaftes Tun, die relative Welt ohne Überlagerung durch eine geistige Welt  in ihrer Soheit erneut auf. Ich habe es auch in dem autobiographischen Teil des Buches ”Die Geburt des Löwen” als das Auftauchen der unpersönlichen  ”Feier” des Seins beschrieben. Die eigentliche Dimension von Leela²  entfaltete sich. Aus dem heutigen Verständnis würde ich eine andere Antwort geben: Der Sinn menschlichen Daseins ist das Erwachen in die absolute UND in die relative Natur des SEINS. Erst das ist das Erwachen.

C       Mir fällt ein weiteres Zitat aus der vorhin erwähnten Sutra ein: ”Das Absolute wirkt mit dem Relativen zusammen wie zwei Pfeile, die in der Mitte ihrer Flugbahn aufeinandertreffen.”

OM       Ich las neulich in einem Buch den Satz, daß Lehrer, durch die das unpersönliche Ereignis der Realisation ihrer Selbst geschehen ist, meist durch zwei Lehrphasen gehen: In der ersten Phase deuten sie direkt und ausschließlich auf das Absolute, in der zweiten Phase kehrt das Relative zurück. Das entspricht tatsächlich meiner Erfahrung. Mit der Rückkehr der relativen Welt, in der ”Bäume wieder zu Bäumen” und ”Menschen wieder zu Menschen” werden, hält jedoch nicht nur Leela als das göttliche Spiel Einzug ins Bewußtsein. Vielmehr öffnet sich aus der Sicht des Lehrers auch wieder der Zugang zur Schwierigkeit im Geiste der Menschen. Ich war vor dem Unfall als Therapeut tätig gewesen. Als ich dann nach dem Unfall und ”meiner” endgültigen Auflösung mit Gangaji im Jahre 1991 wieder Klienten in meiner Praxis empfing, wußte ich überhaupt nichts mit ihnen anzufangen. Völlig verständnislos hörte ich mir ihre Leidensgeschichten an. Alles, was ich sagen konnte, war: ”Was willst du? Du bist frei!” Natürlich dauerte es nicht lange, bis mir die Klienten davonliefen.

                           

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Advaita Journal Vol.5: Nur ein Prinz kann erwachen.

Über den Autor:

OM C. Parkin wurde 1962 in Hamburg geboren. Zunächst studierte er Psychologie, Schamanismus, beschäftigte sich intensiv mit dem Enneagramm und arbeitete als Heilpraktiker. Am 6.August 1990 hatte er einen schweren Autounfall. Er stirbt und wird von den Ärzten wieder ins Leben zurückgeholt. Tagelang liegt er im Koma. In der stillen Dunkelheit seines Sterbens geschieht Erwachen in das unsterbliche Selbst. OM sagt dazu: „Ich hatte das Glück, eine vollkommene – nicht nur körperlose, sondern personenlose Erfahrung machen zu dürfen, in der sich die Dualität auflöste. Dennoch bin ich mir sicher, dass sich die Illusion wieder zusammengesetzt hätte, wäre ich nicht damals einer erwachten Lehrerin begegnet.“ Gangaji, die in der Advaita-Tradition von Shri Ramana Maharshi und Shri Poonja lehrt, versteht sein Erleben. In der gnadenvollen Begegnung mit ihr vertieft sich seine Realisation in die vollständige und unpersönliche Erkenntnis des ICH BIN.
OM ist ein Lehrer der Stille.
In ihm vereinen sich die zwei Lehrströme östlicher und westlicher Weisheit. Im Darshan (große Selbsterforschung) spricht die Essenz aller Lehren – das Absolute, ZEN, Advaita. Sie deutet einzig und allein auf das Selbst, auf Gott, auf die Urvollkommenheit alles Seienden. Die Innere Arbeit (“kleine Selbsterforschung”) geht von der Existenz eines Ich aus, sie hat die Erforschung der Nicht-Realität zum Inhalt – die Erforschung der mentalen und emotionalen Ich-Konzepte des Nicht-Selbst.
Seine Vision ist die Verwirklichung eines Ortes der Stille, der die Lehre der Leere beheimatet.
Er ist Autor der Bücher “Die Geburt des Löwen" (Lüchow), “Auge in Auge mit dir Selbst" (advaitaMedia in J.Kamphausen) und der “OM C. Parkin live”-HörBuch-Reihe (advaitaMedia in J.Kamphausen). Die seit 1999 erscheinende Zeitschrift advaitaJournal – Schriften aus der Nicht-Lehre wurde von ihm ins Leben gerufen.
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