Mit der Brise eines verstehenden und mitfühlenden Herzens

Wir alle tragen in unserem Herzen eine Nonne oder einen Mönch und sehnen uns im Innern danach, ein wahrhaftiges und vollkommenes Leben zu führen, das spirituell geprägt ist. Wir spüren intuitiv, dass ohne diese innere Führung unsere Begierden und unser Ärger, die Karawane all unserer unerfüllbaren Forderungen an das Leben, uns auf ewig im Kreis herumführen werden. Ohne einen spirituellen Orientierungspunkt, der uns über unsere selbstgebastelten Grenzen hinaushebt, versinken wir in Mittelmäßigkeit und Unerfülltheit. Ich begegne vielen Menschen, die sich danach sehnen, die Kraft des Heilsamen in ihrem Innern wachsen und in ihrer Umgebung wirksam werden zu lassen. Sie bringen aber nur selten den Mut und das Vertrauen auf, statt ihrer negativen Reaktionen auf die Außenwelt, die "Wirkungskraft des Guten" ernsthaft auf die Probe zu stellen und sich ihrer inneren Führung anzuvertrauen.

Vielen fehlt der Mut, einen spirituellen Weg zu gehen, der den ständigen Flug und Fall des Alltagserlebens beruhigt und uns zu größerer Gelassenheit und innerem Frieden führt. Und so verschieben wir das wahrhaftige und glückliche Leben, das wir eigentlich leben möchten, immer wieder auf einen späteren Zeitpunkt, bis wir schließlich an unserem "Lebensabend" angelangt sind und unverrichteter Dinge auf dem Sterbebett liegen. Wir haben die Tendenz, unseren Traum von einem vollkommenen Leben in einer idealisierten Zukunft zu begraben, in der Vorstellung von einer kommenden "schönen, neuen Welt". Und wir übersehen dabei, dass der Schlüssel zur Erfüllung dieser Sehnsucht niemals in einer fernen Zukunft liegen kann, sondern nur in einer tiefen Öffnung für die Gegenwart. Wir können nicht hoffen, wenn wir uns dem wahrhaftigen und vollkommenen Leben im gegenwärtigen Moment nicht öffnen, dass uns dies in einer fernen Zukunft gelingen wird. Denn die Zukunft ist, wenn sie zu uns gekommen ist, nichts anderes als die selbe ewige Gegenwart.

Unsere Welt hat Menschen sehr nötig, die sich mutig und mit Vertrauen einer spirituellen Praxis des Erwachens unter Bedingungen hingeben, die rigoros aber sehr unterstützend sind, um die Herausforderung des Lebens hier und jetzt zu meistern und nicht in der Zukunft oder in einem Jenseits. Solche Menschen sind leuchtende Wegweiser und nichts anderes ist der "Stern von Bethlehem": ein Sinnbild des Segens großer spiritueller Lehrer für die Menschheit!

Ich hatte das große Glück, einem solchen Stern und spirituellen Wegweiser begegnet zu sein: der buddhistischen Nonne und Meditationsmeisterin Ayya Khema.. Sie war die große Pionierin der buddhistischen Meditation in Deutschland und die einzige deutsche Buddhistin und Meditationsmeisterin mit internationalem Renommee. In einer im Umbruch befindlichen Welt, in der die Menschen vielfach von Orientierungslosigkeit und Verzweiflung erfasst sind, hat sie die spirituellen und materiellen Voraussetzungen für eine Gegenströmung geschaffen, die zu innerer Stärke, Bodenständigkeit und Frieden führen und helfen kann, das Elend in uns und der Welt zu verringern. Sie lehrte uns durch ihr begeisterndes Vorbild, dass wir, um uns aus der Mittelmäßigkeit des Menschseins herauszuheben und einer neuen Lebensqualität zu öffnen, immer etwas mehr machen sollten, als wir uns selbst zutrauen. "Wenn nicht ich, wer denn? Wenn nicht jetzt, wann dann?", diese Sätze waren das Motto ihres Lebens. Sie lebte uns vor, dass nicht das Haben wollen, sondern das Geben und Verschenken die Richtung ist, die zur Befreiung von aller Unerfülltheit führt. Und dass wir mit der Brise eines verstehenden und mitfühlenden Herzens den Anker lichten und hinaussegeln können auf das weithin strömende Meer eines Bewusstseins, in dem es immer weniger Bedrückung gibt.

Ayya Khema gründete kurz vor ihrem Tod den "Orden der Westlichen Waldklostertradition" und zeigte damit, dass dem Aufbau einer Sangha (einer Gemeinschaft buddhistischer Nonnen und Mönche) als Mittelpunkt einer buddhistischen Familie im deutschsprachigen Raum aus ihrer Sicht große Bedeutung zukommt. Als das Zentrum einer großen, spirituellen Gemeinschaft, die sich an der ursprünglichen Lehre des Buddha orientiert, wie sie uns in der Theravada Tradition bis heute erhalten ist.

Als ich mich im Februar 1996 auf der Baustelle des Waldklosters Metta Vihara entschloss, als Laie in die Hausgemeinschaft des Buddha-Hauses einzutreten, wollte ich vor allem die Herzensqualitäten entwickeln. Ich spürte deutlich, dass ich etwas begegnet war, was ich schon sehr lange gesucht hatte: eine spirituelle Meisterin, eine Gemeinschaft Gleichgesinnter, erfrischenden Pioniergeist und die Möglichkeit der Mitarbeit an der Verwirklichung der Vision, der Lehre des Buddha und der buddhistischen Meditation bei uns eine eigenständige Heimat zu geben. Es war gerade so, als hätte mir diese Begegnung meinen Geist in die Hände gelegt, damit ich ihn entsprechend dem in jedem von uns vorhandenen Potenzial entfalte, einem Potenzial das von der Würde und den Möglichkeiten des Menschen zur Freiheit kündet, von der Toleranz, der Wärme und der Weisheit des heil gewordenen Menschen.

Eine geschlossene spirituelle Landschaft wird es nicht mehr geben, denn die Blütezeit der Weltreligionen ist vorbei. Es muss eine neue Spiritualität entstehen, und die wird sich um wenige geistliche Zentren scharen. Orte, an denen spirituelle Menschen wohnen, werden die Zukunft spirituellen Lebens sein. Wer aus der Welt an einen solchen Ort kommt, taucht in eine besondere Atmosphäre ein, eine Atmosphäre, wie er sie sonst nicht mehr erlebt. Und spirituelles Bewusstsein braucht, wenn es gedeihen soll, Atmosphäre. Das religiöse Leben der Zukunft wird an spirituellen Orten zu finden sein, an denen spirituelle Menschen zusammenkommen, gemeinsam wohnen und arbeiten.

Mit dem Buddha-Haus, dem Waldkloster Metta Vihara und den Stadtzentren in München und Stuttgart sind innerhalb von zehn Jahren von Ayya Khemas Gemeinschaft solche Orte geschaffen worden, die wir aufsuchen können, um den Samen der Erleuchtung in unserem Herzen zu nähren. Damit wir mit der Gewissheit durch den Alltag gehen können, dass es diese heilsamen Orte der Spiritualität und ihre Menschen für uns gibt, inmitten all der Zerrissenheit und Geschäftigkeit im Bergwerk unseres Herzens und in der Welt.

Manche haben Furcht, sich von den tief wurzelnden Zwängen und von Fremdbestimmung zu lösen. Vielleicht fürchten sie, dann verlassen und gesellschaftlich isoliert zu sein. Manche glauben sogar, dass der Wunsch nach Alleinsein, nach Zeiten der Weltabgeschiedenheit und nach Vervollkommnung falsch ist. Und doch gibt es so viele einsame Menschen in der Welt!

Manchmal glaube ich, dass wir alle Einsiedler sind. Auf einer relativen Ebene ist dies auch wahr. Ich bin der einzige von mir, den es gibt. Es gibt keine größere Einsamkeit als diese. Ich bin allein gekommen. Ich werde allein gehen. Und wenn es mich nicht gäbe, alles andere würde nicht existieren ... - Doch das Licht der Höchsten Wahrheit, der die Menschen so viele verschiedene Namen gegeben haben, kündet davon, dass diese Einsamkeit nicht wirklich ist. Dass wir in unserem Alleinsein in Liebe und Mitgefühl aufgehoben sind. Dass wir die Wahl haben, unterwegs zu sein zu der vollkommenen Befreiung des Herzens. Dass wir alle e i n er spirituellen Gemeinschaft der "Morgenlandfahrer" angehören, einer unvergänglichen Gemeinschaft des Herzens, die zu Hause ist in der ewigen Gegenwart. Und was uns einst als schmerzliche Einsamkeit erschien, enthüllt sich uns als All-eins-sein. Deshalb ist das Aufsuchen spiritueller Gemeinschaften und Orte, sind Zeiten der Stille, des Alleinseins und der Weltabgeschiedenheit, die in einem einfachen und ethischen Leben wurzeln, so heilsam. Wenn wir eine Weile mit ihnen gelebt haben, wendet sich der ursprüngliche, der leere und reine Geist uns zu, und eines Tages öffnet und entfaltet er vielleicht vor unseren Augen unsere wahre Natur in der Dämmerung eines unbeschreiblich friedvollen Morgens.

Nyanacitta

copyright 1997 Jhana Verlag

Nyanacitta (aus der Linie der buddhistischen Lehrerin Ayya Khema)