VON LÜGEN, ILLUSIONEN, WAHRHEIT UND DEM FREIEN FLUG

Viele Menschen fühlen sich krank, müde, frustriert, ausgelaugt, unzufrieden, ohne Sinn in ihrem Leben. Dagegen haben nur sehr wenige eine tragfähige positive Vision ihres Lebens, in die Spiritualität als natürliche Größe integriert ist. Und viele können nicht mehr daran glauben, dass sich Visionen, Ideale und Ideen verwirklichen lassen. Wie viele Menschen haben noch die nötige Kraft, die Schranken unserer "modernen" Welt zu durchbrechen und in unbekannten Terrains zu suchen, zu entdecken, neue Wege des Denkens und Handelns zu erforschen? Die Sehnsucht beginnt zu reisen .... in unbekannte Welten, unerforschte Areale unseres Denk-Kosmos, entlegene Winkel unserer Phantasie... "Zumindest in den jungen Jahren hat der Mensch noch Träume". Und dann? Stop! Unmöglich! Unrealistisch! Da heißt es sofort: Bleib auf dem Boden! Bleib vernünftig! Fall nicht aus dem Rahmen! Und nicht aus der Rolle! Bleib bescheiden!

Immer engere gesellschaftliche Strukturen und Maßstäbe, Anpassungsregeln, Gesellschaftsspiele, Denkschablonen und Erwartungen bemächtigen sich unserer Sehnsüchte und Träume und zwingen uns in die Knie, machen uns unbeweglich und starr. Die Mauern um uns herum werden dichter, enger, immer undurchdringbarer, je älter wir werden.

AMEISENMENTALITÄT

Die meisten Menschen beschränken ihre Psyche und ihren Geist auf durchschnittliche Ideen und Lebensinhalte, die ihnen vom Fernsehen, der Werbung und den Medien vorgesetzt werden. Sie stutzen ihre Individualität auf ein Minimum zurecht, lassen sich nivellieren und werden zu Sklaven des Wirtschaftssystems - die Karotte materiellen Wohlstandes, der Macht und des Erfolges stets vor der Nase. Glauben wir immer noch an das Märchen von Wirtschaftswachstum, Fortschritt, Konsum und steigendem Wohlstand? Merken wir denn gar nicht, dass die Welt ein unwirtlicher, kalter und dunkler Ort geworden ist? Humorlose Ernsthaftigkeit, Konkurrenz und Wettkampf, Profitmaximierung, Angst und Gier sind die Spielregeln. Heinz von Foerster drückt das so aus: "Schaut man sich um, erscheint die Welt wie ein Ameisenhaufen, dessen Bewohner jeden Orientierungssinn verloren haben. Sie rennen ziellos herum, reißen einander in Stücke, beschmutzen ihr Nest, fallen über ihre Jungen her, investieren gewaltige Energien in den Bau komplizierter technischer Systeme, die nach Vollendung wieder aufgegeben werden oder dann, wenn sie weiter benutzt werden, die zuvor beobachtbare Zerrüttung nur noch vergrößern, usw."

In den Ländern der Dritten Welt verfügen 1,3 Milliarden Menschen über weniger als 1 Dollar pro Tag zum Leben. 500 Millionen Menschen werden vor Erreichen des 40. Lebensjahres sterben. Die Verteilung des Grundbesitzes, besonders an Ackerland, ist skandalös. So kontrollieren beispielsweise in Brasilien 2 Prozent der Grundbesitzer 43 Prozent des nutzbaren Bodens. 153 Millionen Hektar liegen brach. Unterdessen irren 4,5 Millionen bäuerliche Familien mittellos und hungernd durch die Strassen. In vielen Ländern werden Frauen in Fabriken eingesperrt, wo sie für einen Hungerlohn 14 bis 16 Stunden pro Tag arbeiten. Vorarbeiter und bewaffnete Milizen setzen sich rücksichtslos über die Rechte dieser ausgemergelten, abgemagerten Arbeiterinnen hinweg. Essenspausen werden mit der Uhr gestoppt. Sie betragen oft nicht mehr als fünf Minuten. Kinder, die in Bananen- und Orangenplantagen arbeiten, sterben an den Folgen der maßlosen Verwendung hochgiftigen Herbiziden und Pestiziden zum Zwecke rücksichtsloser Profitmaximierung.

Und in unserer heilen westlichen "zivilisierten" Welt? In den industrialisierten Ländern leben laut OECD 100 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Im Jahr 2002 verfügten in denselben Ländern 37 Millionen Menschen nur über Arbeitslosenunterstützung, die mit der Zeit immer geringer wird. 15 Prozent der Kinder im schulpflichtigen Alter besuchen keine Schule. Allein in London gibt es mehr als 40 000 Obdachlose. In Deutschland zahlen rund 30 Prozent der Unternehmer untertarifliche Löhne. In den USA haben 47 Millionen Menschen keine Krankenversicherung ... (aus Jean Ziegler, Die neuen Herrscher der Welt). Dazu die Zerstörung der Umwelt und das rücksichtslose Erschöpfen wertvoller Ressourcen.

TRIVIALISIERUNG

Und wir schuften uns krank im täglichen acht Stunden Takt (für wen?) und haben deshalb gar nicht mehr die Zeit und die nötige Distanz um zu realisieren, was uns selbst und unserer Welt die Luft zum Leben abschneidet.

Heinz von Foerster spricht vom "Trivialen" im Unterschied zum "Nicht-Trivialen". Eine Maschine ist trivial, sie soll funktionieren und die erwarteten Ergebnisse hervorbringen. Ein Toaster soll toasten, ein Auto soll fahren, eine Waschmaschine soll waschen. Trivialität weist auf ein deterministisches System hin, in dem Input und Output genau festgelegt und deshalb voraussagbar sind. In diesem Sinne mag die Trivialisierung unserer Umwelt in verschiedenen Bereichen wünschenswert und nützlich sein. Wendet der Mensch Trivialisierung jedoch auf sich selbst an, so ist dies ein höchst gefährliches und destruktives Unterfangen. Aber passiert dies nicht in so grundlegenden Lebensbereichen wie beispielsweise in unserem Arbeits- und Bildungssystem? Die Wirtschaft sucht vor allem funktionierende, berechenbare, angepasste - also triviale - ArbeitnehmerInnen. "Tests sind Instrumente, um ein Maß an Trivialisierung festzulegen. Ein hervorragendes Testergebnis verweist auf vollkommene Trivialisierung: der Schüler ist völlig vorhersagbar und darf daher in die Gesellschaft entlassen werden. Er wird weder irgendwelche Überraschungen noch auch irgendwelche Schwierigkeiten bereiten." (H. v. Foerster)

Unsere Wirklichkeit ist kein unbewegliches, unbeeinflussbares Ding, keine im voraus und auf immer festgelegte Sache. Vielmehr ist sie das, worauf wir uns geeinigt haben - eine Abmachung, eine Übereinkunft, nichts Objektives, nichts Starres, sondern formbar und beweglich. Sie ist eine Kreation, die uns "wirklich" erscheint, weil sie "wirkt". So orientieren und kreieren wir uns selbst in Zeit und Raum. In diesem Prinzip liegt sowohl eine Hoffnung als auch ein großes Problem. Hoffnung weil wir aufgefordert sind, Verantwortung für unsere Wirklichkeit zu übernehmen, zu gestalten, gemeinsam eine positive Welt zu konstruieren. Das Problem ist, dass wir vergessen haben, dass gestalterische Freiheit überhaupt möglich ist. Wir sind wie indische Arbeitselefanten. Diese werden, wenn sie noch ganz jung sind, mit einem Strick, der nur einen gewissen Bewegungsfreiraum ermöglicht, an einen Baum festgebunden, damit sie nicht ihrem Bedürfnis nach Freiheit folgend, in die Wälder davon laufen. Wenn sie dann älter sind, nimmt man ihnen diese Leine ab. Jetzt könnten sie das Weite suchen, tun es aber nicht, weil sie an ihren eingeschränkten Aktionsradius gewöhnt sind. Sie wissen gar nicht mehr, dass sie frei sein könnten und was es heißt, frei zu sein. Und schön brav lassen sie sich einspannen für Zwecke, die nichts mit ihren eigenen Bedürfnissen zu tun haben, ja die sogar ganz und gar gegen ihre Natur stehen. Wie diese "Arbeitselefanten" tappen wir in der Enge einer sicheren, überschaubaren Welt und haben bereits vergessen, dass jenseits der Grenzen des Gewohnten das offene freie Land liegt.

WAHRHEIT UND LÜGE

Nur was wir sinnlich wahrnehmen und uns vorstellen können, lassen wir als "Wahrheit" gelten. Wir sind es so gewohnt und können es uns gar nicht anders vorstellen. Aber ist Gewohnheit denn Wahrheit?

Unser Leben ist nicht von Wahrheiten, sondern von Glaubenssätzen und Konditionierungen geprägt. "Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners", sagt Heinz von Foerster. Und nur weil wir so fest an die "Tatsachen" unseres Lebens glauben, sind wir auch an sie gebunden und haben nicht die Kraft und den Mut, etwas zu verändern.

Wir sind so "abgerichtet", dass wir den Vorstellungen unserer jeweiligen kulturellen und gesellschaftlichen Vorgaben entsprechen. Diese Vorgaben werden von Generation zu Generation weitergegeben und an die jeweiligen Umweltbedingungen adaptiert. Gesellschaftliche Maßstäbe ändern sich und weisen kulturelle Unterschiede auf, haben aber immer eines gemeinsam: den absoluten Anspruch auf "Wahrheit" als Maßstab für Richtig und Falsch - wie eine Schablone, die über die Welt gelegt wird und alles, was da nicht hineinpasst, entweder entfernt oder so modifiziert, dass es nicht mehr als Störfaktor oder Wildwuchs aus dem Rahmen fällt.

Sobald wir in uns Ideen, Wünsche, Kräfte oder Sehnsüchte entdecken, die mit den Glaubenssätzen unserer kulturellen und gesellschaftlichen Vorgaben nicht kompatibel sind, kommen wir in Stress. Wir bekommen Konflikte mit den gängigen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen oder religiösen Maßstäben. Entweder wir rebellieren in der einen oder anderen Form oder wir passen uns schleunigst an, indem wir in die Durchschnittlichkeit und in das Mittelmaß zurücksinken, unsere Ideen und Träume im Alltagstrott ersticken und beginnen, uns mit einem lauwarmen durchschnittlichem Leben, durchschnittlichen Beziehungen, einem durchschnittlichen Job - gespickt mit ein paar glänzenden Lebenslügen - begnügen. Sind wir nicht wie ein Baum, der nicht zu seiner natürlichen Größe und Schönheit heranwachsen darf, weil er solange zurechtgestutzt wird, bis er den Vorstellungen des Gärtners entspricht? Wir sind Bonsais. Zurechtgestutzt durch eine Reihe sich selbst erfüllender Prophezeiungen was das Leben betrifft, eingesperrt in eine Wirklichkeit, die wir selbst permanent erschaffen!

Unsere Lebensenergie wird zu einem Großteil von Vermeidungsstrategien, Lebenslügen, Ängsten, Sorgen usw. aufgefressen - solange bis die Quelle versiegt. Viele Menschen merken erst im Augenblick ihres Todes, dass sie um das Leben betrogen worden sind, dass sie nie richtig gelebt, dass sie sich zeitlebens nur angepasst haben an diese und jene Vorgabe, diese und jene Erwartung. In ihrem letzten Augenblick erleben sie, dass sich Nichts und Niemand dafür interessiert, wie viel Geld sie verdient, wie hart sie gearbeitet, wie viele "Opfer" sie gebracht, wie sehr sie den Erwartungen anderer entsprochen und wie sehr sie sich bemüht haben, es allen recht zu machen. Jetzt werden sie mit der Sinnlosigkeit ihres entfremdeten Lebens, ihrer hohlen Beziehungen, verlogenen Freundschaften und ihrer ganzen verschwendeten Zeit konfrontiert. Und jetzt ist es zu spät!

FREIER FLUG

Nicht Konkurrenz und Selektion sind der Motor der Evolution, sondern wie Lynn Margulis (Biologin) es immer wieder betont, das Zusammenführen, das "Merging zu symbiotischen Konstellationen". Gemeint ist die Einsicht, dass vor allem Gemeinsamkeit, Kommunikation und Kooperation Komplexität und Höherentwicklung ermöglichen. Als Nebenprodukt dabei entsteht Lebensfreude. Und Lebensfreude lässt sich nicht ins Koordinatensystem von Macht und Trivialisierung einordnen, sie entspringt vielmehr der frei pulsierenden Qualität gemeinsamen Seins im Hier und Jetzt!

Alles Große wurde aus einer inneren Vision heraus geboren! Nur wer die Grenzen der sogenannten Realität durchschaut, die Barrieren im eigenen Denken und Handeln durchbricht, tritt ein ins weite Land kreativer geistiger Freiheit. Spiritualität ist nur in dieser Weite, im Freien möglich, sonst erstarrt sie zum Dogma, zur Religion, zum Zwanghaftigkeit ritueller Selbstbefriedigung.?????ß

Wir müssen uns aus der psychischen Zwangsjacke unserer eingefahrenen Gewohnheiten und unserer anerzogenen Programmierungen befreien und eine neue Welt kreieren. Wir müssen neue lebensbejahende Programme und Gesetze kreieren, neue Lebensformen explorieren, unseren Geist und unsere Sinne öffnen, über uns selbst hinauswachsen. Es liegt an jedem einzelnen von uns.

Wir können das Abenteuer zu leben beginnen oder uns in Belanglosigkeiten verlieren. Wir können unser latentes menschliches Potential verwirklichen, neue Sphären der Gemeinsamkeit kreieren und darauf aufbauend neue spirituelle Dimensionen erschließen oder uns als graue Masse in Durchschnittlichkeit auflösen. Es ist an der Zeit, dass sich die Raupen entpuppen und zum freien Flug ansetzen!

Ramita Gerda Blume