
Neue Werte am Arbeitsplatz
Eine Initiative von Sri Sri Ravi Shankar für Spiritualität in der Wirtschaft
Das ist schon eine erstaunliche Szene. Mehrere hundert Unternehmer und Spitzenmanager aus allen Kontinenten sitzen bei einer Tagung zusammen – in einer Umgebung wie aus Tausendundeiner Nacht. Die Stimmung ist entspannt, Jacketts und Krawatten sind im Koffer geblieben, Zeitdruck, Kostendruck, Konkurrenzdruck scheinen vergessen zu sein. Draußen glänzt eine milde Nachmittagssonne auf grünen Hügeln im Süden Indiens, drinnen weht ein angenehmer Wind durch Säulengänge mit Lotus-Ornamenten in Gold und Pink und Orange.
Und vorn am Rednerpult steht ein Mann, der dem kapitalistischen Wirtschaftssystem die Leviten liest. Die „Gier nach materiellem Gewinn“ könne nicht Grundlage einer sinnvollen Wirtschaftsordnung sein, sagt Sri Sri Ravi Shankar: „Gier zerstört uns selbst und die Beziehung zum Kunden.“ Stattdessen sollten Dienen und die Liebe zur Schöpfung Motor allen Wirtschaftens sein. Deutliche Worte, fürwahr. Aber die Manager im Publikum, die sich sonst von Umsatzwachstum und Gewinnerwartungen leiten lassen, protestieren nicht und belassen es nicht bei höflichem Beifall. Sie stimmen lebhaft zu und diskutieren die These mit äußerstem Wohlwollen. Ja, sagen sie, der Mann hat Recht: Unsere Wirtschaft braucht einen neuen Geist.
Ein schöner Traum? Oh, nein. Diese Tagung hat stattgefunden. Ende November 2003 trafen sich spirituelle Lehrer unterschiedlichster Richtungen und Wirtschaftsführer am Rande der indischen Großstadt Bangalore zu einer dreitägigen Konferenz über „Corporate Culture and Spirituality“ – Spiritualität in der Unternehmenskultur. Fortsetzungen sind schon terminiert: Jedes Jahr im November soll die Konferenz künftig Konzepte für einen Wertewandel am Arbeitsplatz diskutieren.
Initiator ist Sri Sri Ravi Shankar, ein international renommierter spiritueller Meister, Gründer der International Art of Living Foundation und der International Association for Human Values. Er und seine Stiftung wollen mit der Konferenzreihe dokumentieren, dass der Bewusstseinswandel im Wirtschaftssystem für sie ein Schlüsselthema des 21. Jahrhunderts ist. Dieses Thema will die Art of Living Foundation jetzt auch in Europa offensiv voranbringen – unter anderem mit einem speziellen Bildungs- und Beratungsprogramm für Führungskräfte in Unternehmen. Dieses Programm wird die Stiftung auch beim One Spirit Festival 2004 in Baden-Baden vorstellen.
„The Self Management Seminar: An Art of Living Corporate Workshop“ heißt in voller Länge das Angebot, das Unternehmern und Managern helfen will, einen neuen Geist in ihre Betriebe zu tragen. In Deutschland sind die ersten Workshops in Vorbereitung; in Nachbarländern wie Holland gibt es schon erste Erfahrungen; Vorbild ist jedoch Indien, wo das Programm Mitte der Neunziger Jahre konzipiert worden ist und wo bislang die meisten Erfahrungen vorliegen. Sie auszuwerten, war ein Thema von vielen bei dem Kongress in Bangalore.
Basis des Corporate-Workshop-Programms ist ein Seminar, das an drei oder vier Tagen etwa 20 Stunden umfasst. Es vermittelt Führungskräften aus dem oberen oder mittleren Management einerseits Grundwissen über Teambildung und sanfte Führungsmethoden, andererseits und in der Hauptsache Atem- und Entspannungstechniken wie das Sudarshan Kriya, eine von Sri Sri Ravi Shankar eingeführte Technik mit besonders stark reinigender und belebender Wirkung. Die Workshop-Teilnehmer lernen dabei, wie sie mit Stress besser umgehen und auch unter starkem Druck den Kontakt zu ihrem Selbst, zu ihrer inneren Kraft finden und behalten können. Kurz: Sie lernen, wie sie ein neues Selbst-Bewusstsein entwickeln können, das gleichermaßen Gelassenheit und Dynamik in ihre Teams hinein ausstrahlt.
Auf diesem Basis-Seminar baut ein Programm auf, bei dem Art of Living in Indien schon fast wie eine spirituelle Unternehmensberatung arbeitet. „Vor allem mit größeren Unternehmen arbeiten wir so zusammen, dass wir im Vorfeld mit Vorständen oder Bereichsleitern darüber sprechen, welche Veränderungsprozesse sie anschieben wollen“, sagt Bharat Shirur, der einer der ersten Coporate-Workshop-Lehrer in Indien war. „Wir beraten sie bei der Planung dieser Prozesse und besprechen am Ende, welche Mitarbeiter welche Workshops besuchen sollen.“
Dann erst folgen Seminare, die konkret auf die Lage im Betrieb eingehen und die unterschiedliche Schwerpunkte haben. Bharat Shirur: „Bei Top-Managern fördern wir in erster Linie die Fähigkeit, kraftvolle Visionen zu entwickeln und sie mit Begeisterung zu vertreten. Im mittleren Management unterstützen wir die praktische Kreativität und die Teamfähigkeit, die Vorgesetzte brauchen, um Visionen in praktikable Geschäftsmodelle umzusetzen. Bei Arbeitern und Angestellten liegt in der Regel der Schwerpunkt darauf, Teamgeist und Freude am Beruf zu stärken.“
Mehr als ein Dutzend Berater und Kursleiter arbeiten inzwischen in Indien für das Corporate-Workshop-Programm, mehr als 70 größere Unternehmen haben spezielle Schulungskonzepte eingesetzt. Bis Anfang 2003 hatte zum Beispiel der Süßwarenhersteller Cadbury's of India 23 eigene Top-Manager und 26 Manager von Händlern und Zulieferern schulen lassen; bei Hughes Software Systems waren es 250 Programmierer und Vertriebsmitarbeiter, bei Ispat Steel 40 Top-Manager. Auch die indischen Niederlassungen der Weltbank, der Weltgesundheitsorganisation und – um noch einen Namen zu nennen – des Getränkeherstellers Bacardi schickten ihre Spitzenmanager zu Art-of-Living-Lehrern.
Auch erste Studien über die Wirkungen des Programms gibt es in Indien. Das Tata Institute of Social Science hat zum Beispiel 200 Seminarteilnehmer aus zwölf Großunternehmen nach bleibenden Wirkungen gefragt (bei allen Befragten war das Seminar mindestens sechs Monate her). 88 Prozent der Befragten gaben an, dass sie „besser mit Stress und negativen Gefühlen umgehen“ können als vor dem Workshop. 77 Prozent sagten, sie registrierten ein „verbessertes körperliches Wohlbefinden“ und einen „klareren Kopf“ bei sich selbst. Und rund 50 Prozent gaben an, dass diese persönlichen Veränderungen bereits zu „besseren Leistungen im Beruf“ und zu einem „besseren Arbeitsklima in meinem Betrieb“ beigetragen hätten.
Solche Daten wurden bei dem Kongress in Bangalore breit diskutiert – und ergänzt mit Erfahrungen amerikanischer und europäischer Manager, die selbst einen spirituellen Weg gehen. Jacqueline Sales zum Beispiel, Vorstandschefin bei Hazmed, einem Umwelt-Unternehmen aus den USA, fasste es in einfachen Sätzen zusammen. „Der Leistungsdruck, unter dem Manager heute stehen, ist kaum noch zu ertragen“, sagte sie. „Früher bin ich vor wichtigen Meetings wie ein nervöses Huhn um den Block gelaufen, um mich abzureagieren. Heute meditiere ich ein paar Minuten. Das wirkt Wunder – und färbt auf die Mitarbeiter ab. Ich bin ruhiger; die Mitarbeiter sind ruhiger; und in der Firma wir viel mehr gelacht.“
In diesem Punkt war der Kongress sich einig: dass spirituelles Wissen und traditionelle Entspannungsmethoden wie Meditation oder Atemtechniken helfen können, das Klima und die persönlichen Beziehungen in Unternehmen zu verbessern und mehr Menschlichkeit in einen Arbeitsalltag zu bringen, der zunehmend von technokratischer Kälte und krank machendem Konkurrenzdruck geprägt ist. Diese Erkenntnis werden immer mehr Unternehmen auch im Westen motivieren, sich spirituellem Wissen zu öffnen, war die einhellige Ansicht in Bangalore. Ja, dazu zwinge geradezu die betriebliche Notwendigkeit, sagt Christoph Glaser, der das Art of Living Corporate-Workshop-Programm in Deutschland mit aufbaut.
Sein Argument: Moderne Unternehmen in Industrieländern haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen früher kaum vorstellbaren Grad an Professionalität erreicht. Maschinen, Arbeitsabläufe, Logistik – alles ist derart rationalisiert worden, dass die Effizienz kaum noch zu steigern ist. „Größter Nachholbedarf besteht bei der Schulung der Mitarbeiter - und zwar weniger in der fachlichen Kompetenz als bei weichen Faktoren wie innere Stabilität, emotionale und soziale Intelligenz“, sagt Glaser. „Techniken wie Yoga oder Meditation können für Führungskräfte ein ideales Mittel sein, um die Persönlichkeitsentwicklung bei sich und ihren Mitarbeitern zu fördern.“
Diese Analyse unterstützte der Kongress unumwunden. Kontroverser war dagegen die Frage, wie weit solche Ansätze auch die Grundwerte heutigen Wirtschaftens verändern kann. Einige Kongressbeiträge konnten zumindest den Verdacht nähren, dass Unternehmer spirituelle Techniken eher als Mittel zum Zweck betrachten, um knallharte klassische Unternehmensziele zu erreichen. Die Tata-Studie zum Beispiel empfiehlt dem Wirtschaftsverband All India Management Association ungeniert, das Art of Living Corporate-Workshop-Programm zu fördern, um „die Leistungsfähigkeit in der indischen Wirtschaft“ zu steigern. Und der Industrieminister des Bundesstaats Kanataka, R. V. Deshpande, verwies in Bangalore darauf, dass Indien – wenn die gegenwärtigen Wachstumsraten beibehalten werden können – in zehn bis 15 Jahren zu den wirtschaftlichen Großmächten gehören wird. Die „Besinnung auf die Werte der traditionellen indischen Philosophie und Spiritualität“ werde dazu beitragen.
Trotz solcher Fragezeichen war der Kongress ganz überwiegend der Auffassung, die Bedingungen seien heute so günstig wie nie zuvor – dafür, dass die Wirtschaft auch in den Industrieländern sich nachhaltig von der Fixierung auf Wachstum, Konsum und Effizienz weg bewegen kann, hin zu tieferen menschlichen und ökologischen Grundwerten. Wichtigstes Indiz dafür sei die Tatsache, dass westliche Ökonomen sich in den vergangenen Jahren in der Theorie schon erheblich auf die Lehren praktischer Spiritualität zu bewegt haben – weil sie erkennen, dass der Wachstumsfetischismus des 20. Jahrhunderts sich in vielen Märkten schon heute tot gelaufen hat und dass das heutige Wirtschaftssystem über kurz oder lang neue Konzepte braucht.
Beispiele für diese Annäherung in der Theorie wurden in Bangalore zuhauf diskutiert. Den Kern fasste Sri Sri Ravi Shankar selbst zusammen. Wenn also „Gier nach materiellem Gewinn“ nicht der Maßstab eines Unternehmens sein dürfe – was dann? Leitschnur wirtschaftlichen Handelns, sagt Sri Sri Ravi Shankar, müsse sein: „Frage dich, was du geben kannst – wie du anderen Menschen wirklich von Nutzen sein kannst.“ (Dann wird der Umsatz von selbst kommen, ohne dass du dich sorgen musst...) Das aber ist nicht weit entfernt von der Botschaft jener westlichen Professoren und Unternehmensberater, die seit Jahren gebetsmühlenartig predigen, „Kundenorientierung, Kundenorientierung, Kundenorientierung“ habe das A und O in jedem Betrieb zu sein – alles andere sei zweitrangig und ergebe sich aus diesem obersten Prinzip.
Ja, in der Theorie sind Spiritualität und Wirtschaft einander so nah wie nie; nur die Praxis der real existierenden Arbeitswelt müsste der Theorie noch folgen. Ein nachhaltiger Wertewandel an der Basis des kapitalistischen Wirtschaftssystems – da ist Sri Sri Ravi Shankar sich mit anderen spirituellen Lehrern einig – kann nur in kleinen Schritten über einen Wertewandel im praktischen Alltag der Unternehmen erreicht werden. „Wenn Menschen im Unternehmen menschlicher mit einander umgehen, dann werden sie auch mit Kunden und Geschäftspartnern menschlicher umgehen“, sagt Sri Sri Ravi Shankar. Und dann werden sich, um es in die Sprache westlicher Ökonomen zu übersetzen, wie von selbst Konzepte und Geschäftsmodelle herausbilden, die das Wirtschaftssystem insgesamt verändern können.
Dieser inneren Logik folgt auch das Art of Living Corporate-Workshop-Programm. Informationen über das Programm bekommen Interessenten beim One Spirit Festival in Baden-Baden am Stand der Art of Living Foundation oder direkt bei Christoph Glaser, Telefon 0160 - 281 20 48.
Von Martin Gregor-Ax
„Kunst des Lebens“:
Die International Art of Living Foundation ist in Deutschland mit dem Verein Die Kunst des Lebens e. V. präsent. Als ein Verein für spirituelle Bildung veranstaltet er nicht nur Coporate Workshops, sondern vielfältige Seminare für jedermann, deren Kernbestandteil – neben Körperübungen und spirituellem Wissen – die Atemtechnik Sudarshan Kriya ist.
Die Kunst des Lebens e. V. präsentiert sich beim Festival One Spirit 2004 am Messestand Nummer ??? .
Ende Einblocke „Kunst des Lebens“
Zitate von Sri Sri Ravi Shankar
„Ein Rohstoff, den Spiritualität und Wirtschaft gemeinsam brauchen, ist Vertrauen. Ein Mangel an Vertrauen in das eigene Selbst und in das höhere Bewusstsein, das Grundlage des Universums ist, kann eine Gesellschaft krank machen.“
Sri Sri Ravi Shankar
„Die Wirtschaft sollte Menschen inspirieren, nicht motivieren. Motivation wirkt kurzfristig. Inspiration berührt das Herz, weil sie aus der Tiefe, aus der Wahrheit kommt.“
Sri Sri Ravi Shankar