Glück in Zeiten des Schreckens

Interview mit Christine Bolam, geführt von Ishu Michael Lohmann im Februar 2004

Ishu Michael Lohmann: Wann warst du zum letzten Mal so richtig glücklich?

Christine Bolam: Heute morgen beim Tee. Als der dritte Tee kam und dann sogar noch ein Toast angeboten wurde, da war ich richtig glücklich.

? Was heißt für dich „Glück“?

! Für mich hat Glück etwas mit Bewusstsein zu tun. Ich weiß, dass ich oft glücklich bin, ohne mir dessen bewusst zu sein. Glücklich war ich bestimmt viel öfter, als ich denke. Wenn das Leben zu einer Routine wird, ist mir nicht mehr im Bewusstsein, dass ich gerade jetzt Glück erlebe. Glücksmomente sind Momente von verstärktem Bewusstsein.

? Ist es für dich so, dass in dem Moment, wo du in dich gehst, dir deiner bewusst wirst, dass du da immer Glück erleben kannst?

! Ja. Ich glaube allerdings, dass für viele bewusst zu sein erst mal Unglücklich-sein bedeutet. Schließlich bedeutet es, sich seiner selbst bewusst zu werden. Wer aufgerüttelt wird und aus der üblichen Routine aufwacht, fällt vielleicht zunächst in eine Krise, die er als Unglück empfindet. Wenn diese Momente aber tiefer erlebt werden, dann findet man etwas anderes. Man ist lebendig, man fühlt. Das ist für mich eine Definition von Glück: Präsenz. Da sein im Moment, da sein in der Fülle des Seins.

? C. G. Jung sagte einmal, es gebe kein Glück ohne Leiden. Glück und Leiden seien so eng verbunden, „dass Glück leicht in Leiden umschlägt, wie umgekehrt intensivstes Leiden eine Art übermenschliches Glücksgefühl hervorrufen kann.“ Wie siehst du die Verbindung von Glück und Leiden?

! Das stimmt, was C.G. Jung sagt. Es stimmt auf einer bestimmten Ebene. Es kommt auf die Definition an. Für Jung ist Glück etwas, dass im Gegensatz zum Leiden steht, – da sind zwei verschieden Waagschalen, die voneinander abhängen. Für mich bedeutet Glück, jenseits dieser Pendelbewegung zu sein. Da ist eine Waagschale voll mit : „Oh geil! Oh super! Mein Herz geht auf und alles ist schön.“ Und die andere mit: „Oh nein – es ist schrecklich!“ Für mich ist beides Glück. Jung hat sicher insoweit recht, als beide Waagschalen zusammen gehören , aber es gibt die Möglichkeit, beide zu umarmen und zu sagen: es ist Glück, das alles zu leben. Zu spüren und zutiefst zu erfahren und „ja“ zu sagen zu dem, was ist. Das anzunehmen, das ist für mich Glück. Und es nicht nur ein Wort, was ich da draufsetze, um dem ein Sahnehäubchen zu verleihen, sondern ich habe das so erfahren. Es geht um die Fähigkeit, beide Waagschalen zu umarmen. Die Fähigkeit, so im Leben zu stehen, dass man nicht mehr das eine begehrt und das andere ablehnt.

? Du sagst in deinem Buch: „Wir sind schon glücklich, wir müssen aber auch lernen, glücklich zu sein.“ Was heißt Glück für den, der gerade von seiner Freundin verlassen wurde? Was heißt Glück für eine Mutter, die gerade ihr Kind verloren hat? Oder für eine Frau, die gerade erfahren hat, dass sie Brustkrebs hat? Was heißt es für die, wenn du sagst: „Du bist ja schon glücklich, du musst dir nur dessen bewusst sein“? Die wird dir sagen: „Ich glücklich? Ich bin todunglücklich!“

! Es gibt die menschliche Möglichkeit, dieses Todunglücklich-sein so anzunehmen, dass es sich wie Glück anfühlt. Ich hätte dieses Buch nicht schreiben können, wenn ich diese Erfahrung nicht selber gemacht hätte. Ich habe mein Leben lang etwas mit Tod und Vernichtung zu tun gehabt und ich habe mich in der Welt bedroht gefühlt. Dann habe ich eine Phase gehabt, wo innerhalb von zwei Jahren meine Eltern starben. Der Tod meines Vater war ein Leben lang für mich mit das Schrecklichste, was ich mir hätte denken können. Ich habe schon als Kind nächtelang geweint, wenn ich mir vorstellte, dass mein Vater irgendwann sterben würde. Mein Vater starb ziemlich schnell und das war sehr schockierend für mich. Dann habe ich ein Jahr lang meine Mutter bis zu ihrem Tod gepflegt. Sie war gerade gestorben und wir räumten das Haus auf, als dieser 11. September passierte. Ich saß vor dem Fernseher und dachte, die Welt geht unter. Ich war so sehr erschrocken, dass ich einen Moment lang dachte: ich halte es nicht mehr aus. Ich kann nicht mehr; ich will nicht mehr. Schließlich gab es einen Moment, wo ich dieses totale „Ja“ in mir spürte. Ja zu dieser Intensität, zu all diesem Schrecklichen. Ich saß einfach da und spürte, ich lebe. Mein Bruder saß neben mir. Da wurde mir bewusst: wir sitzen hier, das ist jetzt unser Leben. Das ist es. Was anderes ist nicht. Die einzige Möglichkeit, überhaupt noch dazubleiben und nicht zu verschwinden, ist dieses „Ja“. Das habe ich als Glück empfunden. Ich habe gemerkt, dass das eine tiefere Ebene der Wahrnehmung ist. Jenseits der Wahrnehmung von Das-ist-gut und Das-ist-schlecht, Das-möchte-ich-gerne, Das-möchte-ich-lieber-nicht oder Danach-sehne-ich-mich , bei der wir sofort aus der Gegenwart weg sind, denn wir sagen ja: „Das, was gerade ist, will ich nicht haben.“ In dem Moment, wo zu dem, was ist, ein ganz tiefes und echtes Ja kommt – egal, was es ist – da ist Glück. Und das stimmt auch für die Frau, die Brustkrebs hat. Es ist für mich nicht so ein zynisches: jetzt sag einfach mal tralala-ja dazu, sondern ein Ja, das aus der absoluten Tiefe der Erschütterung kommt. Es ist, was ist. Ich kann das jetzt nicht wegmachen, indem ich „Nein“ sage. Dann kämpfe ich nur gegen mich. Wenn ich das annehme und aufhöre zu kämpfen, erfahre ich etwas, das ich nur als Glück bezeichnen kann.

? Für dich ist Akzeptanz also gleichbedeutend mit Glück?

! Ja und zwar wirkliche Akzeptanz in aller Tiefe und jeder Konsequenz. Das ist etwas, was zu lernen ist. Im Grunde bleibt uns nichts anderes übrig. Jede andere Form mit den Dingen umzugehen, beinhaltet immer einen Kampf, eine Spaltung. Da bist du und da ist das, was du nicht willst oder was du willst. Da ist immer eine Einstellung und das macht unglücklich und unzufrieden. Entweder weil das, was du hast, bleiben soll oder dir das was da ist, nicht gefällt. So kämpfst gegen dich und das Leben. Du bist immer in der Spaltung, und Spaltung bedeutet Unglück. Einheit ist Glück.

? Du hast ein Buch geschrieben, mit dem du die Leser zum Glück einladen willst. Dazu schlägst du ihnen bestimmte Schritte vor. Was ist der erste Schritt zum Glück?

! Ich habe auch im Buch gesagt: es gibt eigentlich nur einen Schritt. Und das ist der Schritt in die Gegenwart. Wenn du wirklich ganz in der Gegenwart bist, ist dieses „Ja“ da. Wenn du dir etwas anderes wünscht, kannst du nicht in der Gegenwart sein und bist automatisch gespalten. Dieses spaltungslose In-der-Gegenwart-Sein ist eigentlich der einzige Schritt und den kann man immer wieder auch üben. Wir alle haben das ja nicht gelernt. Wir sind so erzogen worden, dass wir ständig nicht in der Gegenwart sind. Deshalb muss auch das betrachtet werden, was uns davon abhält, in der Gegenwart zu sein. Daher die sieben Schritte. Bei allen geht es darum, nicht das Bewusstsein von der Gegenwart abzuziehen und in irgendwelche Phantasien und Vorstellungen zu flüchten, sondern das Bewusstsein für diesen kraftvollen Akt, da zu sein, zur Verfügung zu haben. Dafür brauchst du all dein Bewusstsein.

? In der klassischen Definition steht Glück immer in Beziehung zu einem Mangel. Wird der Mangel erfüllt, dann entsteht Glück. Die Erfüllung macht glücklich, genau wie das Essen den Hungrigen glücklich macht.

! Aber was ist dieser Moment des Glücks? Schau genau hin, was in diesem Moment passiert: du bist für einen Moment wunschlos. Weil ein Wunsch erfüllt ist und noch kein neuer aktiv geworden ist, bist du für diesen einen Moment in der Gegenwart. Das ist Glück. Was wir also eigentlich als Glück bezeichnen, ist das Gefühl, in der Gegenwart zu sein; nur ist das den meisten nicht bewusst.

? Hinzu kommt nach der klassischen Vorstellung aber auch, dass die Gegenwart gerade in diesem Moment sehr schön ist. Zum Beispiel, weil du gerade verliebt bist. Du bist happy, du bist gerne in diesem Moment. Das sind Glücksgefühle. Aber bist du gerne in dem Moment, wenn dein Chef dich gerade anbrüllt und dir sagt, dass du eine miese Arbeit gemacht hast?

! Wenn ich wirklich in der Gegenwart bin, wenn mein Chef mich anschreit und ich in diesem Moment nicht gespalten bin, dann bin ich auch dann glücklich. Ich bin total präsent und das ist ein Glücksgefühl.

? Aber würde es dir nicht auch leichter fallen, in einem Moment voll und ganz da zu sein, wenn dein Verleger dir sagt: „Ein Super-Manuskript, das werden sofort drucken“, wie wenn er sagen würde: „Ganz und gar misslungen, das werden wir nie drucken..“ ?

! Natürlich. Das ist eben der Lernprozess. Wir sind alle glücklich, aber wir müssen lernen, glücklich zu sein. Wir sind in der Gegenwart und wir sind immer da. Aber wir müssen lernen, auch mit dem da zu sein, was wir ablehnen. Sonst sind wir von kurzen Glücksmomenten, Erwartungen und Träumen verführbar. Wir haben Angst. Wir sind der Welt ausgeliefert und wir haben keinen Standpunkt. Es geht darum, einen Standpunkt zu erwerben, der unerschütterlich ist. Der bei jedem Wetter, egal was auch passiert, eine Präsenz anbietet. Da ist ein Gewitter in meinem Leben, da ist die stärkste Angst, die ich überhaupt kenne, da ist das Schrecklichste, was ich mir vorstellen kann.... und dann kommt so ein Moment von einem bedingungslosen „Ja“, dann kommt eine Energie von Glück, die ist unbeschreiblich.

? Ist das nicht ein sehr hoher Anspruch? Vielleicht auch einer, der dazu führen kann, dass man sich lieber erst gar nicht eingesteht, dass man gerade total unglücklich ist. Denn eigentlich sollte man es ja gar nicht sein...

! Doch, das ist ja das Paradox. Dir genau das einzugestehen, was gerade ist – darum geht es ja. Egal, was da ist. Nicht nur Freude, auch Wut und pure Verzweiflung. Hineingehen, in das was ist und genau in dem Moment passiert etwas. Da öffnet sich dieselbe Tür, die sich öffnet, wenn ein Wunsch in Erfüllung geht. Das ist die Tür zur Präsenz im Hier und Jetzt.

Es gibt Leute, die zum Tode verurteilt wurden und kurz vor ihrer Hinrichtung noch Glück erleben konnten. Oder es gibt Berichte von KZ-Überlebenden, die ähnliches beschreiben.

Wenn du die Vorstellungsebene von Das-ist-gut / Das-ist-schlecht verlässt, findest du darunter eine Ebene, die göttlich ist. Da ist wirkliche Gnade. Oder manche Mystiker sagen: Liebe. Das ist diese Ebene. Da ist Liebe, nicht weil das Unglück oder der Schmerz aufgehört hat, sondern weil der Kern des Schmerzes und des Unglücks aus Gold und Liebe ist.

? Gab es für dich einen biographischen Bezug zu deinem Buch?

Meine spirituelle Suche entstand aus der Frage, wie kann ich mit all dem Schrecklichen in der Welt umgehen. Ich war sehr belastet von der Kriegserfahrung meines Vaters und von der Flucht meiner Mutter. Von vielen Dingen, die nicht ausgesprochen waren, die ich aber als Kind spürte. Sie gaben mir ein Gefühl ständiger Vernichtungsangst. Es war für mich dann ein Schlüsselerlebnis, als Osho einmal die Geschichte dieses Sufi-Meisters erzählte, der bei lebendigen Leib zerstückelt wurde. Er wurde verurteilt, weil er gesagt hatte: „ich bin die Wahrheit, ich bin Gott.“ Während er auf dem Marktplatz zerstückelt wurde, sang er und lächelte. Alle bewarfen ihn mit Steinen und er lächelte weiter. Als Osho diese Geschichte erzählte, war mir mit einem Mal klar, dass es eine Möglichkeit gibt, mit dem Allerschrecklichsten glücklich zu sein. Und es gibt die Möglichkeit so mutig zu sein, dass dich auch die Vernichtung nicht mehr schrecken kann. Das hat mich, als jemand, die von Kind an immer von Vernichtungsängsten geprägt war, ungeheuer fasziniert. Das war es, was mich interessierte. Diese Geschichte zeigte mir, es geht! Man konnte den Meister zwar auf die grausamste Weise töten, aber sein Kern blieb unangetastet.

In der Tiefe ist etwas verborgen, das stärker als alles andere ist. Wenn du das einmal erfahren hast, dann wird der Schrecken der Welt kleiner. Du weißt dann, dass im Zentrum von allem das Gute ist. Und das ist Glück.

Christine Bolam, Einladung zum Glück – Eine Reise in sieben Schritten,

J. Kamphausen Verlag, Bielefeld, 2003

www.cbolam.com

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