Interview mit Thomas-Mariam Sura

Initiator und Veranstalter des Internationalen Rainbow Spirit Festivals

Von D. W. Weissensteiner

Frage: 1995 fand das erste Festival statt. Deine Frau Teresa und du – ihr blickt auf zehn Jahre zurück. Wie geht es euch mit eurem „Baby“, dem Festival, heute?

Mariam: Gut, denn das Baby ist erwachsen geworden, ebenso wie wir erwachsener und reifer geworden sind.

Am Anfang war nur die Vision da, einen Event zu veranstalten, der sich im Niveau deutlich von den so genannten Esoterik-Messen abhebt. Wir wollten dem Thema Spiritualität einen angemessenen äußeren und inhaltlichen Rahmen geben und die ganze Bandbreite des Themas aufzeigen. Wir wollten tendenziell weg vom reinen Kommerz und mehr hin zum Miteinander-Teilen, zum Erfahren.

Frage: Und ist euch das aus heutiger Sicht gelungen?

Mariam: Ja, wir meinen schon, dass uns das im Rahmen des Möglichen gelungen ist.

Natürlich mussten wir immer wieder auch Kompromisse eingehen – aber das war und ist, so verstehe ich es aus heutiger Sicht, der Weg, wie wir unvoreingenommener, einfacher und hoffentlich auch demütiger geworden sind. Am Anfang waren unsere Vorstellungen und Wertungen von guter und schlechter Spiritualität wesentlich ausgeprägter . Auch heute tauchen immer wieder Formen des Urteilens auf, aber wir nehmen diese nicht mehr so ernst, erkennen sie viel eher als die Art und Weise, wie der „gute alte“ Verstand immer wieder automatisch versucht seine Arbeit zu tun.

Mittlerweile sind bei uns auch Akzeptanz und Erkenntnis gewachsen, dass ein gewisses Maß an Kommerz nötig ist, um solch einen Rahmen zu verwirklichen und aufrechterhalten zu können. Letztendlich hat jeder, der das Festival besucht, die Wahl, ob er sich ausschließlich auf Vorträge und Workshops konzentriert und die Zeiten dazwischen in den angebotenen Ruhe-Oasen, wie dem abseits liegenden Meditationsraum oder der Ruhe-Oase im Untergeschoß, zurückziehen will. Nicht zu vergessen, dieser herrliche Park, der ja direkt vor der Haustür des Kongresszentrums liegt! Es hat sich allerdings auch gezeigt, dass viele die Fülle der Angebote sehr lieben, welche die Ausstellung bereithält, und auch wahrnehmen. Ich persönlich liebe auch beides.

Wir haben erkannt, dass es mehr auf die Qualität, das Niveau des Angebotes ankommt, nicht ob mit oder ohne Kommerz. Wir haben den Eindruck, dass diese Vielfalt an unterschiedlichsten Angeboten, so wie sie heute besteht, sehr gut ankommt, denn wir bekommen ja viel positives Feedback darüber, wie sehr die Menschen das Programm und den üppig geschmückten äußeren Rahmen, sowie den Standort Baden-Baden wertschätzen und lieben.

Wir sind in der Tat sehr bemüht das Innere mit dem Äußeren harmonisch zu verbinden.

Mariam: Ich kann heute für mich sagen, dass die Vision vom „Rainbow Spirit“ mein Weg ist. Die Auseinandersetzung mit der Verschiedenheit des menschlichen Denkens, der Unterschiedlichkeit der Wege und der Einzigartigkeit eines jeden Erwachens hat mein Bewusstsein geöffnet und meinen inneren Horizont erweitert.

Gerade in letzter Zeit wird mir immer wieder klar, wie schön dieses Symbol des Regenbogens doch für die Verschiedenheit und die gleichzeitige Einheit des menschlichen Bewusstseins ist.

Mein Wunsch wäre es sogar, den Regenbogen in seinen „Farben“ auf dem Festival noch weiter aufzufächern.

Frage: Welche Bereiche oder Richtungen sprichst du damit konkret an?

Mariam: Heute sind auf dem Festival verschiedene spirituelle, esoterische, aber auch neue wissenschaftlich-philosophische Strömungen vertreten. Was weit gehend fehlt, ist die Integration älterer spiritueller Traditionen.

Ich habe von Anfang an versucht, die etablierten Religionen mit einzubeziehen, wie Christentum, Buddhismus usw., aber das gestaltet sich relativ schwierig.

Die Christen fühlen sich von den neuen Wegen bedroht, verstehen nicht, dass hier ihre Ursprünge, die einer ehemals lebendigen Religiosität, zu finden sind – und die Buddhisten haben angeblich nie Zeit oder wollen nichts mit „New Age“ zu tun haben. Die einzige rühmliche Ausnahme in zehn Jahren war Ayya Khema und bei dem kommenden Festival ihr Nachfolger Nyanabodhi.

Ich finde das sehr bedauerlich, denn ich bin der festen Überzeugung, dass die alten Traditionen durch die neuen spirituellen Bewegungen viel neue Kraft und Inspiration erfahren könnten – und ebenso können die neuen Strömungen auch viel von den alten Traditionen lernen.

Es ist an der Zeit dieses „Etiketten-Denken“ loszulassen, dieses „das ist Esoterik“, „das ist New Age“ oder „das ist verknöcherte Religion“. Wenn wir die Schablonen im Umgang miteinander beiseite legen, kann ein echtes Miteinander, kann Satsang im eigentlichen Sinn des Wortes, nämlich „Zusammensein in Wahrheit“, geschehen.

Frage: Das interessiert mich. Ich sehe in den alten Religionen vorwiegend verhärtete Strukturen und leer wirkende Rituale....?!

Mariam: Das ist eine Erscheinung, aus der wir alle lernen können. Ab wann stirbt eine spirituelle Tradition, was führt zu erstarrten Traditionen, usw.? Hier können wir – spirituelle Gruppen und Organisationen im besonderen Maße – viel über das Thema Macht und Machtmissbrauch lernen. Es ist doch nicht so, dass wir alles neu und besser machen. In den vergangenen drei Jahrzehnten hatte ich den Eindruck, dass es in unserer „Szene“ sehr stark um die Integration der Themen Sexualität und Geld ging. Jetzt erscheint auch immer häufiger das Thema Machtmissbrauch in Zusammenhang mit spirituellen Lehrern, aber auch innerhalb der Strukturen, die die Lehrer umgeben. Hier kann uns die Betrachtung und Aufarbeitung der in den alten Traditionen entstandenen Machtstrukturen sehr hilfreich sein.

Ein anderes Beispiel sind die Rituale – leer oder nicht –, Rituale benötigen Ausdauer, Disziplin, Geduld. Das genau ist etwas, das uns „Freigeistern“ oft fehlt.

Viele von uns machen das, was U. G. Krishnamurti „Guru-Hopping“ genannt hat. Wir rennen von einem Lehrer zum anderen, probieren diese und jene Methode aus, ohne uns tiefer einzulassen, und verpassen es vielleicht genau deshalb, die Früchte einer langen und geduldigen Praxis ernten zu können.

Aber abgesehen von solchen möglichen gegenseitigen Bereicherungen, sehe ich in jedem Ansatz von Religion, Esoterik, Spiritualität, aber auch in jedem Wunsch, Glück und Harmonie ins eigene Leben zu bringen, den Impuls des Einzelnen zu sich selbst zu finden, sich selbst zu erkennen.

Je mehr sich Menschen einander öffnen, sich nicht als die „Besseren“ oder „Fortgeschritteneren“ fühlen und ihre Erfahrungen miteinander teilen, umso heilsamer ist es für das menschliche Bewusstsein insgesamt.

Frage: Das Festival hat ja inzwischen wirklich einen sehr guten Namen und Bekanntheitsgrad. Ist das bereits die Erfüllung eurer Vision oder habt ihr noch weiterführende Pläne?

Mariam: Sicher hat das Festival inzwischen großen Erfolg und zieht Tausende jährlich an – aber gleichzeitig ist es ein lebendiger Organismus, der immer wieder begleitet und genährt werden will. Das ist auch der Spaß, den ich daran habe: Immer wieder genau hinzuschauen, was ich noch besser machen kann. Der letzte „Spaß“ dieser Art war die Verwirklichung dieses Magazins: Ein Magazin zu kreieren, das inhaltlich Substanz hat, gleichzeitig das Festival bewirbt und obendrein in einer sehr hohen Auflage Verbreitung findet.

Das macht mir und den Lesern Freude und tut dem Festival gut.

Parallel arbeite ich an unserem kostenlosen Online-Portal „www.rainbow-spirit.de“.

Über diese Seite soll es jedem Interessierten möglich sein, Informationen und Links zum gesamten „Regenbogen“ der spirituellen Szene zu finden.

Darüber hinaus werden wir ab 2005 sowohl ein Frühjahrs-Festival, wir nennen es „Frühjahrserwachen“, und ein Sommer-Ferien-Festival, die „Love-Life-Laughter Summer Celebration“, veranstalten. Wir haben lange damit herumgedruckst, immer wieder hat man uns gebeten, noch ein zweites Festival zu veranstalten… Und nun wollte „Mutter Zufall“, dass es gleich zwei werden.

Als Ziel-Vision trage ich seit dem Anfang meiner spirituellen Reise die Vision eines „Rainbow Spirit Tempels“ in mir. Ich stelle mir einen Platz mit einem wunderschönen Tempel vor, der allen spirituellen Strömungen und Religionen gewidmet ist. Ein Platz, an dem jeder sich zum Gebet, zur Meditation zurückziehen kann, ungeachtet irgendeiner Tradition oder Richtung, frei von Dogmen – einfach nur der Stille und dem Menschen selbst gewidmet. Dazu wird es natürlich viel Geld brauchen, aber wer weiß, wo uns die Reise noch hinführt.

Interviewerin: Am Ende des Regenbogens soll ja ein großer „Topf mit Gold“ stehen…

Mariam: In unseren Herzen hat sich dieser „Topf mit Gold“ schon längst offenbart, mal sehen, ob sich solch ein „Topf mit Gold“ auch noch im Äußeren offenbaren wird.

Interviewerin: Danke für das Gespräch.

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