Durch die Wüste zum eigenen Selbst Bernd Kieckhöfel sprach mit Charles Kunow, der Selbsterfahrungsreisen in die Sahara organisiert. Wüstenreise klingt wie ein Traum aus 1001 Nacht. Wie bist du dazu gekommen, dort Retreats anzubieten? Zunächst brauchte es die eigene Erfahrung, das Zu-sich-Finden in der Wüste. Dort, in einem Raum ohne Ablenkung, können wir die Leere in ihrer ganzen Fülle erleben. Dabei geschieht die Begegnung mit uns selbst ganz selbstverständlich und spielerisch leicht. Jede Projektion entlarvt sich so offensichtlich, dass wir sehr schnell über uns und unsere inneren Filme lachen können. Wir können uns selbst beobachten und den Filmen ihre Substanz entziehen. Aus meiner eigenen Erfahrung entstand der Wunsch, diese Möglichkeit mit anderen Menschen zu teilen. Ich habe viele Jahre in Seminarräumen gearbeitet – die Sahara ist ein ganz besonderer Seminarraum. Welche Erfahrungen hast du in der Arbeit mit Menschen? Ich werde bald fünfzig Jahre und kann auf drei Jahrzehnte Arbeit mit Menschen zurückblicken, die ich auf ihrem Weg begleitet habe. Seit 1980 leite ich eine Unternehmensberatung und begleite auch Firmen. Manche haben nur zwei Mitarbeiter, andere bis zu 12.000. Dabei steht immer das Mensch-Sein und die persönliche Entfaltung im Mittelpunkt. So entstehen Top-Ergebnisse in den begleiteten Unternehmen. Wie lange gehst du schon in die Wüste? Seit 1992 bin ich jedes Jahr zwischen vier und zwölf Wochen in der Wüste, zum Teil mit mir alleine und zum Teil mit Gruppen, die ich begleite. Welche Leute kommen zu einem Wüsten-Retreat? Menschen, die bereit sind hinzuschauen, die es müde sind, vor sich wegzulaufen. Menschen, die in ihrem Leben erfolgreich sind und gleichzeitig merken, dass ihnen etwas fehlt. Menschen, die auf einer Ebene reif und entwickelt in ihrem Leben stehen und gleichzeitig einen anderen Teil in sich haben, der zu kurz kommt, der nach Raum schreit, nach Entwicklung und nach Integration. Oft haben diese Menschen wenig Hoffnung diesen Widerspruch zu lösen und sind überrascht, wie leicht und schnell es gehen kann. Und es kommen auch Menschen, die sich einfach in unserer lauten Welt ein Stück Stille wünschen. Von welchen Erfahrungen berichten die Teilnehmer? Wir arbeiten mit Ritualen, um das Alte, welches wir nicht mehr brauchen, freizugeben und zurückzulassen. Die Teilnehmer berichten oft überrascht, dass es tatsächlich gelungen ist. Das Alte ist zurückgeblieben, das Neue ist gekommen: Sich die Leichtigkeit im Sein zu gestatten, wirklich wählen können und den Mut haben, das zu tun, was zu tun ist. Das alte Korsett, der Stress ist abgelegt, die ständige Jagd nach irgendetwas ist zu Ende. Eine neue Tiefe im Alltag entsteht, eine neue Qualität in Beziehungen beginnt. Das mag die ersten Tage so sein. Wie lange hält das vor? Es gibt etliche „Wiederholungstäter“, die zum zweiten oder dritten Mal mitfahren. Sie haben den Wert dieser Tage des Mit-sich-Seins erkannt und gönnen sich alle ein bis zwei Jahre diesen Raum. Im Austausch mit Teilnehmern höre ich immer wieder, dass die neu gewonnene Lebenseinstellung dauerhaft bleibt. Das alte Getriebensein meldet sich zwar, aber wenn die neue Erfahrung verankert ist, kann sie der Stress nicht mehr aufsaugen und Beherrscher des Alltags sein. Wie beginnt ein Tag in der Wüste? Es gibt Situationen im Tagesablauf, die sich wiederholen: Liebevolles, sanftes Wecken vor Sonnenaufgang, um auf einer Düne sitzend das Lichtspiel des erwachenden Morgens und den Sonnenaufgang in der Stille zu erleben. Danach ein gemeinsames Frühstück, einen Tee am Feuer und anschließend eine Runde. Das, was sich in uns zeigt und bewegt, kann in die Gruppe eingebracht werden. Dazu gibt es Fragen, um uns auszurichten. Die Wüste hält immer Lektionen und Überraschungen bereit. Viele können wir alleine annehmen, bei anderen ist es gut, ein Gegenüber zu haben. Unsere Gespräche beziehen sich auf das Jetzt. Der Rest der Welt, Vergangenheit und Zukunft, interessieren nicht. Wir bringen uns gegenseitig immer mehr ins Jetzt. Die Begleiter, wir sind in der Regel zu zweit, stehen auch für Einzelgespräche zur Verfügung. Zu Fuß gehen ist ein wesentliches Element deiner Retreats. Was erwartet die Teilnehmer noch? Drei bis vier Stunden des Tages verbringen wir mit sanftem, meditativem Gehen. Jeder für sich allein oder in einer kleinen Gruppen: Sich im Gehen, in der Stille erleben. Bei Bedarf gibt es einen weiteren Austausch, auf jeden Fall aber ein gemeinsames, feines Abendessen. Anschließend kann jeder für sich sein oder mit den anderen zusammen am Feuer sitzen. Manchmal wird noch eine Geschichte am Feuer vorgelesen. Je nach dem, was die Situation braucht, können weitere Elemente wie Massagen, Übungen zum Sprechen und Hören oder Atemarbeit dazu kommen. Gibt es auch Zeit, die jeder allein in der Wüste verbringen kann? Ein bis zwei Tage sind für die Stille mit sich alleine in der Wüste vorgesehen. Jeder findet seinen Platz, im Abstand bis zu zwei Kilometern vom Camp. Die Begleiter sind erreichbar, wenn sie gebraucht werden sollten. Was gibt es zu finden in der Sahara? Das, was schon da ist. Unser Rennen und Suchen in der westlichen Kultur geht in die falsche Richtung. Wir trainieren uns darin, immer schneller zu rennen. Es geht jedoch um Innehalten. Es ist alles da. Aber wir machen mit dem, was da ist, etwas, das es unbrauchbar macht. In der Stille der Wüste, in der Langsamkeit wird es deutlich. Was heißt das praktisch? Als Beispiel: Ein Mann ist darüber betrübt, dass er keine Partnerin in seinem Leben findet. In einer Runde sagt eine Frau: „Seltsam das Bild, das du von dir hast – ich erlebe dich als schönen, kraftvollen Mann.“ Er antwortet: „Du willst dich doch nur einschmeicheln“. In unserer hektischen Welt würden wir darüber hinweggehen, keine Zeit dafür haben, zwar merken da war etwas, es aber schnell vergessen. In der Prägnanz der Wüste braucht es nur einen Begleiter, der sagt: „Oh, was war da? Langsam!“, und allen, einschließlich des betroffenen Mannes, wird offen-sichtlich, wie er es macht, andere Menschen und besonders Frauen wegzuschicken und alleine zu sein. Es wird so offensichtlich, dass wir es in Liebe annehmen können, und er in dem Moment herausfinden kann, welche anderen Möglichkeiten es noch gibt, mit dieser Botschaft der Frau umzugehen. Im geschützten Raum kann er damit spielen – und schon hat er die Fähigkeit erworben, seine Zukunft selbst zu gestalten. Er kann zukünftig bestimmen, ob er alleine oder mit Partnern ist. Er hat sein Muster, seine Handlungsweise erkannt, durchschaut. Für die nächsten Tage kann er die anderen in der Gruppe einladen, mit ihm neu zu experimentieren. An seinem Beispiel sind andere neugierig geworden, sich genauer zu beobachten um herauszufinden, wie sie es schaffen aus den tollen Angeboten, die das Leben für sie bereithält, das zu bekommen, was sie nicht wollen. Plötzlich fängt diese Entdeckungsreise, an Spaß zu machen. Die Wüste ist entlarvend. Und wir haben Angst entlarvt zu werden. Nun was passiert, wenn wir entlarvt werden? Erst sind wir Raupe, dann sind wir Larve und, wenn wir ent-larvt sind, dann brauchen wir nur noch unsere Flügel zu entfalten und Schmetterling sein. Larve wird auch als Wort für Maske benutzt – es ist das Gleiche entlarvt zu werden – die Maske wird uns herunter genommen und wir stehen nicht mehr als der da, den wir darstellen wollten, sondern als der, der wir sind. Und das ist das Verrückte – davor haben fast alle Angst, unglaubliche Angst, auf die nächste Stufe zu gehen und zu sein, was sie sind. Wir sehnen uns danach, Schmetterling zu sein und veranstalten ein Riesenchaos, um nicht Schmetterling zu werden. Wir sehnen uns danach, einfach der zu sein, der wir sind, und klammern uns dennoch an unsere Maske. Diese Angst können wir in der Wüste zurücklassen, und den Mut, das zu sein, was wir sind, den können wir mitbringen. Wie verläuft die Ankunft in der „normalen“ Welt? Den letzten Abend in der Wüste verbringen wir bei einem Freund, einem Beduinen, der für uns in seinem Wüsten-Cafe kocht. Am nächsten Tag in der Stadt auf dem Markt haben wir die Chance, unter und mit Menschen zu sein und dennoch bei uns zu bleiben. Danach wartet der Flieger. Wie groß sind deine Gruppen bei einem Retreat? Die kleinste Gruppe bestand aus fünf Personen, die größte hatte achtzehn Teilnehmer. Welche Ausrüstung braucht man für diese Wüstenreise? Ein guter, warmer Schlafsack und eine Isomatte sind das Wichtigste. Wer nicht direkt unterm Sternenhimmel schlafen will, kann ein kleines Zelt mitbringen. Ansonsten sind nur leichte Wanderschuhe, den Körper bedeckende lockere Kleidung für den Tag und etwas Wärmendes für den Abend nötig. Ändert sich das Leben der Teilnehmer nach dem Retreat? Ja und nein, die Lebenseinstellung ändert sich in jedem Fall. Es kann sein, dass wir das gleiche Kapitel in unserem Leben schon dreimal wiederholt haben. Oft wollen wir davonlaufen vor dem, was ist. In der Wüste haben wir den Mut und die Klarheit gefunden, einen neuen Schritt zu wagen. Es geht darum, das Bestehende mit einer neuen Klarheit zu erfüllen, und erst wenn das wirklich gelebt wird, kann die Frage beantwortet werden: weitergehen oder bleiben. Im Internet sind Informationen zum Retreat unter „Zeit-für-Freiheit“ zu finden. Was soll der Name ausdrücken? Den Mut zu haben, das zu tun, was zu tun ist. Das meine ich mit Freiheit. Wir sind freie Wesen und vergessen es. Es geht darum, erinnert zu werden und zu verstehen, was Freiheit wirklich meint. Es gibt diese leise Stimme in uns, die Hinweise gibt, die Lösungen anbietet und den Weg weist. Meist sind wir so mit der Suche im Außen beschäftigt, dass wir sie nicht hören. Es gilt innezuhalten und uns die Freiheit zu nehmen, einfach nur zu sein. Es gilt den Käfig, den wir uns gebaut haben, zu erkennen. Seinen Sinn, seinen Wert in der Vergangenheit anzuerkennen – und ihn dann zu verlassen. Damit dies mit Leichtigkeit gelingt, bieten wir Zeit-für-Freiheit an. Die Wüste ist der ideale Raum dafür. Ist Freiheit für dich gleichbedeutend mit Unabhängigkeit? Viele Menschen haben als Lebensziel „unabhängig sein“. Ich denke, das ist Unsinn. Die Erde ist ein Planet der Abhängigkeiten: Wir sind abhängig von Luft, Essen, wärmender Kleidung und Kontakt zu anderen Menschen. Und gleichzeitig haben wir absolute Freiheit im Rahmen unseres Seins. Diese Abhängigkeit in Freiheit gilt es zu erkennen und bewusst zu gestalten: Entweder wir tun es jetzt oder nie. Im „Kurs in Wundern“ wird gesagt: „Das Lernziel ist klar, jeder erreicht es, wir können nur wählen, wie lange wir uns verweigern.“ Viele spüren im Alltag, dass das, womit sie ihre Zeit, ihr Leben verbringen, nicht wirklich das ist, wozu sie da sind. Es fehlt jedoch der Mut, das Bestehende für unsere Bestimmung zu riskieren. Wir haben viele Ausreden, warum es nicht geht. Jesus hatte eine einfache Antwort darauf: „Lasst die Toten ihre Toten begraben.“ Damit meinte er, entweder jetzt oder wir werden Opfer unsere Ausreden. Wenn wir diesen kompromisslosen Weg einmal betreten haben und erleben, dass wir tatsächlich nichts riskieren, dass wir nichts verlieren können, dann wird es immer leichter und selbstverständlicher mit jedem Schritt. Und irgendwann wissen wir nicht mehr, dass wir einmal Bedenken hatten. Was bedeutet das für den Alltag? Es kann bedeuten, da wo ich bin, weiterzuwirken und dieses Umfeld mit meinem Strahl der Liebe neu zu beleben. Es kann auch bedeuten, einen neuen Lebensraum für mich entstehen zu lassen. Es gibt ein Bild in mir: Neue Lebensräume entstehen, etwas beginnt zu reifen. Menschen werden in neuen Gemeinschaften zusammen leben, in neuen Qualitäten und Inseln von Klarheit und Liebe, die Räume eines gelebten Erkenntnisweges entstehen lassen. Man könnte es als eine neue Form von Kloster sehen: Warm, lebendig, zärtlich, mit Kindern und Senioren, die miteinander auf dem Weg sind. In Japan durfte ich eine Gemeinschaft erleben, die genau das lebt. Sie sagen: „Wir sind für eine glückliche Gesellschaft und das bedeutet Räume von Glück schaffen. Das bedeutet zu erkennen und abzustreifen, was Glück verhindert. Alles abstreifen, an dem wir kleben, an dem wir verhaftet sind.“ Es ist eine Freude zu erleben, wie leicht Menschen in diesem Feld reifen. Wir leben in einer Zeit von Angst und Gier. Solche Räume unterscheiden sich von der sonst gelebten Welt. Die neue Antwort ist gelebtes Vertrauen. Vertrauen in das große Ganze. Vertrauen, dass wir geführt sind und dass für uns gesorgt ist, wenn wir unseren Platz einnehmen. Vertrauen, dass das, was wirklich ist, nicht bedroht sein und auch nicht zerstört werden kann. Es ist frei von Identifikation und Leid und voll von Freude und Frieden. Du träumst also von einer neuen, glücklichen Welt? Nein, das wäre wie ein Volksschullehrer sein, der davon träumt, dass durch seine Arbeit, wenn er sie gut macht, irgendwann alle Kinder schreiben und lesen können. Er lässt außer Acht, dass das Leben sich bewegt und täglich neue Wesen geboren werden, die erst einmal nicht lesen und schreiben können. Es ist aber durchaus möglich, dass Kinder mit viel Spaß Schreiben und Lesen, in einem Bruchteil der an unseren Schulen vorgesehenen Zeit, lernen können. Genauso können Menschen den Weg vom Leid zum Glück in kürzerer Zeit finden. Aber es ist einer der Lernschritte auf diesem Planeten Erde, zum Vertrauen in das Sein zurückzufinden, das Sich-alleine-Fühlen hinter sich zu lassen, sich nicht mehr aus dem Paradies ausgestoßen zu fühlen, als würde jeder einsam und allein im hoffnungslosen Überlebenskampf stehen. Und es ist leicht: Einfach die Augen aufmachen und feststellen, hier nicht in der Hölle zu sein, sondern im Paradies, und das will gelebt sein. So wie das Kind die Entscheidung treffen muss, lesen und schreiben zu lernen – nur dann gelingt es –, so muss jedes Individuum seine weiteren Entscheidung treffen: Ich will da hin, wo ich zuhause bin. Ich nehme den Platz ein, der für mich bereit ist, und an diesem Ort ist Friede und Glück. Um das zu erkennen und zu realisieren, kenne ich keinen Platz, der so geeignet ist, wie die Wüste. Was braucht es deiner Meinung nach, um unser eigenes Leben zu finden und kraftvoll den eigenen Weg zu gehen? Wieder zu Sinnen kommen ist ein wichtiger Schritt. Wolf Büntig, ein Pionier der Humanistischen Psychologie, sagt dazu: „Solange wir mitmachen und konsumieren anstatt zu genießen, produzieren anstatt wachsen zu lassen, Spaß haben anstatt uns zu freuen, wehleiden anstatt wirklich zu leiden, das Leben aushalten anstatt uns darauf einzulassen, solange gehören wir dazu und gelten als normal. Der Normale atmet nicht frei, er hält die Luft an, er lässt sich nicht gehen, sondern reißt sich zusammen. Er hält den Kopf oben, er ist bei Verstand, aber weitgehend von Sinnen.“ Zu Sinnen kommen heißt für unsere Umwelt verrückt zu sein, unnormal zu sein. Mit einer Mischung aus Ablehnung und Sehnsucht werden wir skeptisch beäugt. Aber „Ver-rückte“ wandeln ihr Leben und wandeln die Welt. Es ist mein kleiner Beitrag, Menschen immer wieder zu ermuntern, ihr Leben zu leben und mit allen dazugehörenden Risiken Räume des Wach-Seins zu gestalten. Ich möchte Menschen ermutigen, sich Raum und Zeit für die Selbst-Entdeckung zu gönnen, den Wert des Mit-sich-Seins zu erfahren und aus dieser Quelle zu schöpfen, ein freudvolles und kraftvolles Leben im Dienste des Höheren zu leben. Jeder entscheidet selbst, ob er sich diese Zeit gönnt, zu sich zu kommen und bei sich zu sein, oder ob er sich lieber vom Lärm einlullen lässt, von fremden Zielen getrieben wird und jammert: „Keine Zeit…, man kann doch nicht einfach machen, was man will…“ Deshalb weg von allen Leuten, die zu wissen meinen, was wir tun müssten, und hinein in den großartigen Raum der Natur: In die Sahara und dort Tage mit sich selbst verbringen und sich reich beschenken lassen von der großen Weite und Stille. Mehr Infos unter: Interview: Bernd Kieckhöfel
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