Ayya Khema: Das Größte ist die Liebe Ich werde nie vergessen, wie ich Ayya Khema, die große deutsche buddhistische Lehrerin, kennen gelernt habe. Ich lud zum 1. Rainbow Spirit Festival auch die Lehrer aller buddhistischen Schulen ein. Es waren bestimmt fünfzig Briefe, die aber alle ohne Antwort blieben. Daraufhin schrieb ich an alle einen zweiten „Beschwerdebrief“, in dem ich mein Unverständnis zum Ausdruck brachte, dass wohl keiner daran interessiert zu sein schien, die Lehre des Buddha weiterzugeben. Einen Tag später klingelte das Telefon und Ayya Khema war persönlich am Apparat um mit mir darüber zu sprechen. Sie war absolut unkompliziert und kam gleich zur Sache, schilderte mir ihre Vorbehalte aufgrund schlechter Erfahrungen mit den Rainbow Gatherings und erklärte sich schließlich bereit zu kommen. Das war der Anfang einer tiefen Verbindung bis zu ihrem Tod vier Jahre später. Dreimal kam sie zum Festival um die Lehre des Buddha und ihr Wissen über Meditation weiter zu geben. Ich habe sie als einen sehr einfachen und offenen Menschen kennen gelernt, der die seltene Fähigkeit besaß, seine eigene Weltanschauung beiseite zu stellen und andere Religionen und Anschauungen integrieren zu können. In diesem Sinne hat Ayya Khema mit uns, und anderen gemeinsam, einen entscheidenden und initiierenden Impuls für die Entwicklung des Festivals gesetzt, sodass es zu dem werden konnte, was es heute ist. Sie war die erste spirituelle Lehrerin auf dem Festival und ihren ersten Vortrag möchten wir auszugsweise ihr zu Ehren im Folgenden abdrucken. Auf dem kommenden 10. Festival wird ihr Nachfolger Nyanabodhi die Lehre des Buddha weitergeben. Ayya Khema: Ich freue mich hier zu sein, und es freut mich auch, dass Sie alle hier sind. Ich möchte darüber sprechen, was Buddha unter Liebe versteht. Liebe ist ein Wort, mit dem viele unterschiedliche Dinge assoziiert werden. Es ist mit Erinnerungen, Vorurteilen, Hoffnungen und Enttäuschungen besetzt. Wenn zu viele Enttäuschungen damit verbunden werden, dann wird das Wort „Liebe“ vielleicht sogar abgelehnt. Oft sehen wir die Liebe in einer Art und Weise, die uns nicht befriedigen kann. Wir sehen Liebe als eine Beziehung zu einem anderen Menschen, wobei der Partner ein Gegenstück liefern soll: Er oder sie soll uns auch lieben! Wenn wir jemanden lieben und der andere liebt uns nicht ebenso, dann glauben wir, es sei eine Tragödie. Wenn eine Liebesbeziehung besteht, sich aber verändert, zerbricht, dann glauben wir auch, dass es eine Tragödie sei. Im Allgemeinen braucht man ungefähr zwei Jahre, bis man darüber hinwegkommt. Dann probiert man es noch einmal mit einem anderen Partner. Wenn man genug Versuche hinter sich hat, ist vielleicht eines Tages doch einmal klar, dass da irgendetwas nicht stimmt. Doch im Allgemeinen glaubt man, es stimme etwas nicht mit dem Partner oder mit einem selbst oder mit beiden. Oder man schiebt alles auf die Umstände oder auf Partner und Umstände. Was kann man nun aber tun, damit es stimmig wird, damit Liebe wirklich Liebe ist? Solange es Liebe für uns nur in einer Zweierbeziehung oder in der Familie geben kann, ist die Liebe von Angst durchsetzt. Angst basiert auf Hass. Das heißt nicht, dass wir den oder die Menschen hassen. Wir haben das unterschwellige oder bewusste Gefühl, dass wir die Menschen, die wir lieben, verlieren könnten. Das hat jeder schon erfahren. Am besten wissen das Mütter von Kleinkindern. Sie lieben ihre kleinen Kinder innig, aber sie haben auch immer Angst um sie. Dann ist die Liebe natürlich nicht so beglückend und erfreulich, nicht so glückselig, wie sie sein könnte, weil sie mit Angst durchsetzt ist. Mütter mit Kleinkindern ist so ein Beispiel. Jede Mutter hier wird ganz genau wissen, wovon ich spreche. Die Kleinen sollen nicht krank werden, sie sollen nicht auf die Straße laufen, da sind alle nur möglichen Ängste. Genauso ist es in der Zweierbeziehung. Der andere soll seine Meinung nicht ändern, er soll seine Gefühle nicht ändern und – noch dazu – er soll einen genauso lieben, wie man ihn liebt. Das ist doch nicht möglich! Man kann die Liebe doch nicht auf die Waage legen! Wir versuchen es immer wieder. Und immer wieder erfahren wir eine Enttäuschung. Wir sind nicht nur enttäuscht, sondern wir lernen so nie, was Liebe eigentlich bedeutet. Auf keinen Fall bedeutet Liebe, dass wir uns nur auf bestimmte Menschen ausrichten. Liebe ist eine Qualität, eine Eigenschaft unseres Herzens. Das hat Buddha versucht die Menschen zu lehren. Damals, vor zweieinhalbtausend Jahren, haben das die Menschen genauso wenig gewusst wie wir heute. Es hat sich nichts geändert. Aber es ist erlernbar! Wir können unsere Herzensqualität so läutern, dass nichts anderes mehr als Liebe im Herzen ist. Nun ist das allerdings ein Übungsweg, der Arbeit macht. Daher wird er nur von den wenigsten Menschen praktiziert. Es kommt noch etwas dazu: Die wenigsten Menschen werden je darüber informiert. Die meisten Menschen glauben unseren Medien, die wirklich sehr einflussreich sind, und sie glauben den Romanen, die sie lesen, oder dem, was ihnen erzählt wird. Wir sind sehr beeinflussbar. Wenn wir an all das glauben, kennen wir nichts anderes als die Beziehung, die wir zu einem, zwei oder drei anderen Menschen haben. Wenn wir uns einmal einen Moment überlegen, wie viele Menschen es auf diesem kleinen Erdball gibt: Da sind Milliarden von Menschen! Und wir begrenzen uns auf ein, zwei oder drei! Das ist doch an sich absurd! Wenn mit diesen wenigen Menschen dann etwas passiert, was wir nicht möchten, dann sind wir todunglücklich. Das kann doch nicht stimmen, da muss es doch auch etwas anderes geben! Wenn der Buddhas von Liebe spricht, meint er damit unpersönliche, bedingungslose Liebe. Es hat nichts mit dem Menschen, der vor uns steht, zu tun. Es hat überhaupt nichts mit anderen zu tun. Es hat einzig und allein mit uns selbst zu tun. Buddha hat uns diesen Übungsweg gezeigt durch eine Methode der Meditation, die ich Ihnen noch erklären werde. Es geht darum, einen Läuterungsprozess durchzumachen, der sehr bedeutsam ist, weil wir uns ihm von morgens bis abends zuwenden können, tagtäglich, und keine besonderen Anleitungen dazu brauchen. Wir brauchen auch keinen besonderen Platz dafür. Wir brauchen uns nur zu erinnern, dass jeder Mensch, der vor uns steht, ein Übungsfeld ist. Wenn wir uns daran erinnern, wissen wir genau, was zu tun ist. Es wird uns nicht immer gelingen, das ist selbstverständlich. Es gelingt uns nicht mit jedem Menschen. Je schwieriger die Menschen sind, mit denen wir zusammenkommen, je schwieriger sie uns erscheinen – im Prinzip ist jeder schwierig, aber manche Menschen erscheinen uns schwieriger als andere –, desto schwieriger wird es sein, ihnen mit Liebe zu begegnen. Aber gerade, wenn wir solche Schwierigkeiten erleben, ist das der Moment der Übung. In solch einer Situation können wir lernen. Ein Kleinkind von zwei Jahren zu lieben ist nicht so schwierig. Es sieht niedlich aus, es benimmt sich niedlich – vielleicht nicht immer; es zu lieben ist nicht sehr schwierig. Aber seinen Vorgesetzten zu lieben, der einen gerade einen Rüffel erteilt hat, ist schon schwieriger. Oder einen Partner zu lieben, der vielleicht gerade nicht so liebevoll war, das ist bedeutend schwieriger. Den Anspruch zu haben, jemanden zu lieben wie den Postboten oder die Kassiererin im Supermarkt – kaum ein Mensch kommt je auf die Idee, dass man auch diese Menschen als Übungsfelder für die eigene Liebesfähigkeit betrachten könnte. Warum sollten wir das auch tun? Nur aus einem Grund: Weil wir selbst dadurch glücklicher werden. Ob der andere diese Liebe spürt, hängt davon ab, ob er offen ist, ob sein Herz und sein Geist offen sind für die Schwingungen, die wir verbreiten. Wir kennen alle die unterschiedlichen Arten von Schwingungen zwischen Menschen. Häufig sind diese Schwingungen nicht so angenehm. Dann sind wir selber in Mitleidenschaft gezogen. Wir lassen uns davon beeinflussen. Wenn wir den Übungsweg wirklich gehen wollen, wenn wir einsehen können, wieso das äußerst wichtig ist, dann werden wir eine Quelle von Glück und Freude für uns selbst und unsere Umwelt sein. Heutzutage sprechen wir sehr viel von Umweltverschmutzung, und zwar mit Recht. Wir sollten unsere Umwelt sauber halten. Aber die größte Verschmutzung wird durch unsere Emotionen produziert und nicht durch die Plastikteile, die wir wegwerfen. Wie wir mit dem materiellen Abfall umgehen, haben wir beinahe schon im Griff. Aber haben wir unsere Emotionen im Griff? Wieweit haben wir uns überhaupt schon mit unseren Emotionen beschäftigt? Der erste Schritt, um sich mit den eigenen Emotionen zu beschäftigen, ist das Erkennen, dass kein anderer an ihnen Schuld ist. Das ist ein Riesenschritt. Die meisten Menschen haben entweder einen besonderen Sündenbock oder eine ganze Reihe von Sündenböcken, die sie benutzen. Der, dem wir die Schuld für unsere Emotionen zuschieben, kann aus der Vergangenheit stammen oder er kann auch jetzt hier in der Gegenwart sein. Häufig wechselt das auch. Die Annahme, dass jemand „Schuld“ an unseren Emotionen sei, entspricht nicht der Realität. Dieser Sündenbock – das muss nicht immer ein Mensch sein, das kann auch etwas sein, das irgendwann gesagt wurde, was wir gesehen haben oder was uns passiert ist – ist nichts anderes als ein Anlass, Negatives aus uns heraus fließen zu lassen. In dem Moment, in dem wir einsehen, dass diese Reaktion nichts mit dem anderen zu tun hat, sondern dass das Negative in uns präsent war und nur darauf gewartet hat, dass es heraus fließen kann, in dem Moment beginnen wir den spirituellen Weg zu gehen. Sollten wir nicht daran interessiert sein, den spirituellen Weg zu gehen, bleibt uns nur das Gegenteil davon übrig: den materiellen Weg zu gehen. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass uns das befriedigt. Es gibt nur die zwei Möglichkeiten: Den materiellen oder den spirituellen Weg zu gehen. Das Materielle hat natürlich auch seine Berechtigung. Wir alle haben einen Körper, der aus Materie besteht und in Ordnung gehalten werden muss. Aber wieweit können wir Herz und Geist in Ordnung halten? Wie oft oder wie selten reagieren wir negativ? Wie oft oder wie selten glauben wir, dass dies die Schuld eines anderen sei? Nicht nur die Schuld von jemand, der jetzt vor uns steht, sondern die Schuld von jemand vor dreißig, vierzig Jahren – total unnötig! Wozu? Es gibt nur eine Sekunde, in der wir leben können, und das ist diese Sekunde – jetzt! Die Vergangenheit ist vorbei, ist verloren. Die Vergangenheit können wir uns nur noch durch Erinnerung ins Bewusstsein rufen, und unser Erinnerungsvermögen ist notorisch schlecht. Wir erinnern uns sehr häufig nur an das, woran wir uns erinnern wollen, und noch nicht einmal korrekt. Es ist einfach nicht möglich. Die Zukunft existiert überhaupt noch nicht. Wenn die Zukunft wirklich existiert, dann heißt sie Gegenwart. Morgen, wenn es kommt, heißt heute. Die einzige Sekunde, die wir leben können, ist diese – und die ist vorbei. Dann kommt die nächste, und die nächste, und die nächste… Die gesamte Lehrrede von Ayya Khema erscheint zum zehnten Rainbow-Spirit-Festival in dem Buch „Blüten des Erwachens“ mit Vorträgen verschiedenster Highlights der Festivals der letzten 10 Jahre. |