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Wolfgang und das Gayatri-Mantra
von Deva Premal
Offensichtlich sind durch meine CD „The Essence“ viele
Menschen im Westen vom Gayatri-Mantra berührt worden.
Es macht mich sehr glücklich, dass die Version des Mantras
auf der CD so viele Menschen dazu bewogen hat, es auswendig
zu lernen und zu einem Teil ihres Lebens zu machen. Die Wurzeln
zu dieser CD liegen bei meinem Vater Wolfgang. Ohne ihn hätte
ich nicht solch eine tiefe und lebenslange Verbindung zum Gayatri-Mantra.
Wolfgang war ein einzigartiger Mensch. Er war 1921 geboren
und sein unkonventioneller Lebensstil führte ihn schon
in den frühen Fünfziger Jahren auf seine innere Suche.
Da er Künstler (Kunstmaler, Töpfer und Schreiner)
von Beruf war, hatte er die Offenheit und den Wagemut, die
für einen spirituellen Lebensweg nötig sind. Er war
von Natur aus sehr diszipliniert und begeisterte sich für
jede Art von intensiven Yoga-Übungen und reinigenden Ritualen – und
damit meine ich nicht einen einfachen Kopfstand!
Nur um euch eine Idee davon zu geben, was er so trieb: Zehn
Jahre lang stand er jeden Morgen früh um zwei Uhr auf,
um für vier Stunden die Stadtmauer von Nürnberg zu
umrunden und dabei ein bestimmtes Mantra zu rezitieren. Er
hat mir nie verraten, welches es war. Er tat dies, weil er
gehört hatte, dass sich erst nach drei Stunden des Wiederholens
der Effekt des Mantras innerlich verfestigen würde. Also
waren die ersten drei Stunden nur die Vorbereitung für
die vierte Stunde! Er ließ von dieser nächtlichen Übung
ab, als er einmal von einem Säufer angegriffen wurdeund
er dies als Hinweis deutete, sich anderen Formen des Experimentierens
zuzuwenden.
Eine berühmte Geschichte aus seinem Leben ist die Pilgerreise,
die er 1963 mit meinem älteren Bruder Niko nach Hamburg
unternahm, weil er seinen Guru besuchen wollte, der gerade
dort weilte. Das mag sich noch ganz vernünftig anhören,
bis man erfährt, dass sie von Nürnberg bis nach Hamburg
zu Fuß gingen und dass Niko zu der Zeit erst sechs Jahre
alt war! Immerhin hatten sie für ihn einen Kinderroller
dabei.
Sie schliefen in Ställen oder kampierten nachts draußen
und das Ganze fast ohne Geld. Wolfgang entschloss sich, für
die Rückreise nach Nürnberg den herkömmlichen
Weg zu nehmen, nämlich mit dem Zug zu reisen, der in jenen
Tagen neun Stunden für die Strecke brauchte. Während
der ganzen Reise saß er in der Lotusposition und veränderte
nur einmal seine Stellung!
Ein anderes ziemlich außergewöhnliches Phänomen
bei ihm war, dass er immer in der dritten Person von sich sprach: „Er
ist der Wolfgang, der da ist hungrig…“ Er benutzte
auch möglichst nie Sätze, die mit „wenn“ begannen,
und er mochte nie über Pläne für die Zukunft
sprechen. Als er zum Beispiel einmal im Krankenhaus lag, fragte
er nicht, wann er entlassen würde. Er blieb einfach dort,
bis ihm der Arzt sagte: „Heute können Sie nach Hause
gehen.“ Wolfgang sprach niemanden mit „Sie“ an
und mochte es auch nicht, wenn
er so angesprochen wurde.
Er war ein Mensch, der offen war für sehr unterschiedliche
Wege: für Zen, Yoga, das Christentum (er kannte das ganze
Johannes-Evangelium auswendig), für den Buddhismus, für
Gurdjieff (er war vermutlich einer der wenigen Menschen, die „Beelzebubs
Erzählungen“ von Anfang bis Ende gelesen haben),
für Osho, den Sufismus und für vieles mehr. Später
sah ich, dass dies auch Oshos Geschenk war – er brachte
mir so viele unterschiedliche Meister nahe.
1970 entdeckte Wolfgang seine Liebe für das persische
Trommeln, das bis zu seinem Lebensende seine größte
Leidenschaft blieb. Die meisten seiner Trommeln baute er sich
selber, ein weiteres Beispiel seiner unglaublichen Kreativität.
Durch ihn wurde ich mit Osho bekannt gemacht. Wolfgang nahm
mich mit in das Osho-Center Purvodaya bei München, wo
ich an meiner ersten Dynamischen Meditation teilnahm. Ich war
damals zehn Jahre alt und ich fühlte mich sofort dort
zu Hause.
Wofür ich ihm am meisten dankbar bin, ist, dass er mich
und meine Schwester mit dem Gayatri-Mantra in dieser Welt empfing,
indem er es oft während der Schwangerschaft mit meiner
Mutter Viten sang. Er chantete es auch während meiner
Geburt, und Viten und er sangen es jeden Abend, wenn sie uns
ins Bett brachten.
Mitte Zwanzig kam dieses Mantra wieder in mein Leben zurück
und ich hatte das Vergnügen, Wolfgang die Melodie zu lehren,
mit der Miten und ich es sangen. Er machte sie sich dann zu
Eigen, was mich sehr freute.
Die letzten Jahre seines Lebens machte es mir großen
Spaß, besondere spirituelle Bücher für ihn
auf Deutsch (er sprach kein Englisch) aufzutreiben, die er
sehr schätzte. Da war unter vielen anderen zum Beispiel
das Buch: „Kollision mit der Unendlichkeit“ von
Susan Segal, Irina Tweedie’s Buch über ihr Leben
mit ihrem Sufi-Meister, das waren Robert Monroes Bücher über
Astralreisen.
Wolfgang verließ seinen Körper im Juli letzten Jahres.
Glücklicherweise waren Miten und ich zu der Zeit in Deutschland
und so mussten wir nur einen Event in Köln absagen, als
meine Schwester uns benachrichtigte, dass er im Begriff sei,
seinen Körper zu verlassen. Obgleich er 83 Jahre alt war,
kam sein Tod ziemlich plötzlich und doch ein wenig unerwartet.
Wir fuhren noch in der gleichen Nacht nach Nürnberg und
waren rechtzeitig dort, um die letzten Stunden seines Lebens
mit ihm zu verbringen. Als wir im Krankenhaus ankamen, hatte
es erst den Anschein, als ob er jeden Augenblick seinen Körper
verlassen würde – er war nicht mehr bei Bewusstsein.
Ich drückte meine tiefste Dankbarkeit ihm gegenüber
für alles, was er mir gegeben hatte, aus, und für
eine Weile sangen wir das Gayatri-Mantra und andere Mantren
für ihn. Daraufhin verging Stunde um Stunde, bis die Dringlichkeit
der Situation verblasste. Am Nachmittag schlug mein Cousin
vor, wieder das Gayatri-Mantra zu singen. Zu der Zeit dachte
ich, dass mein Vater vielleicht auch noch die nächste
Nacht überleben würde. Dieses Mal sangen wir für
ungefähr ein halbe Stunde, als plötzlich der Monitor
zeigte, dass Wolfgang im Begriff war, seinen Körper zu
verlassen. Wir fuhren fort zu singen, und so war das Letzte,
das er in diesem Leben hörte, sein geliebtes Gayatri-Mantra.
Schließlich endeten wir mit dem Mantra Om – und
der Kreis war vollständig: Er hatte mich auf diesem Planeten
mit dem Gayatri-Mantra begrüßt, und ich begleitete
ihn auf dem Weg aus dieser körperlichen Existenz mit dem
gleichen Mantra. Ich fühle mich sehr gesegnet, dass es
so passiert ist.
Es war das erste Mal, dass ich den Tod eines Menschen miterlebt
habe, und dass es der Tod meines Vaters war, werde ich mein
ganzes Leben in Ehren halten und zu schätzen wissen.
Die Musik, die auf meinen CDs zu hören ist, ist ein direktes
Resultat der Liebe und der Anleitung, die mein Vater mir zuteil
werden ließ. Danke dir, Wolfgang. Ruhe in Frieden.
PS: Ein Jahr, bevor Wolfgang verschied, sagte ich zu Miten,
dass ich gerne ein Konzert ihm zu Ehren in Nürnberg geben
möchte, wenn er schließlich seinen Körper verlassen
würde. Es hätte gar nicht perfekter kommen können:
Unser nächstes Konzert nach dem abgesagten Event in Köln
war in – Nürnberg! Unser jährliches Konzert
dort war für den 15. Juli geplant. Das Begräbnis
für Wolfgang fand am 14. Juli statt.
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