Sri Vast - Spirituelle Befreiung vom Mythos der Spiritualität

Ein Interview mit Sri Vast, dem erleuchteten spiritualen Meister aus Südindien. Sein Fokus ist praktische Spiritualität und die wahre Natur der Menschen.
Einleitung und Interview von Bente Marcussen, Norwegen. Übersetzung aus dem Englischen von Devasetu W. Umlauf

Die aufregendste Reise ist es für mich, von meinem Kopf zu meinem Herzen zu reisen. Im Laufe meiner spirituellen Reise hatte ich nie das Verlangen, traditionelle Ashrams zu besuchen, in denen ein Guru an der Spitze der Hierarchie steht und darunter die Schülerschaft, die ihren Guru anbetet. Als ich Sri Vast traf, war mir sofort klar, dass er kein solcher Meister ist. Sri Vast lehrt, dass wir alle auf der gleichen Stufe stehen und alle erleuchtet sind. Er zeigt uns den Weg aus den alten Rollenvorstellungen, auch den Weg aus der Rolle von Guru und Schüler. Sri Vasts Lehre hat mich inspiriert und mir geholfen, mich meinem Selbst hinzuwenden. Es geht um eine natürliche, geerdete, ökologische Spiritualität mit viel Humor, Lachen, Singen, Tanzen und Feiern! Hier möchte ich die Weisheit, die Freude und das Feiern Sri Vasts teilen, wie sie mich erfüllen.

Frage: Sri Vast, hast Du irgendeine Vision oder Ziele?
Sri Vast: Ich habe keine großen Visionen, außer dass ich den Menschen helfen will, ihre wahre Natur zu sehen, den unkonditionierten Zustand des Selbst. Anstatt über Erleuchtung zu sprechen,
feiere ich lieber das Leben, indem ich jeden Moment genieße. Ich sehe mich nicht als Lehrer, sondern als jemanden, der das Leben feiert.
Frage: Also ist dein Lehren mehr ein Teilen als traditioneller Unterricht?
Sri Vast: Ja. Menschen, die schon viele Ashrams besucht haben, werden den Unterschied feststellen. Ich möchte die Spiritualität auf die praktische Ebene stellen, ins alltägliche Leben der Leute bringen. Gott ist nicht eine weit entfernte, exotische Gestalt. Gott ist in unserem Innern und überall. Gott ist das Selbst. Wenn wir uns zu Gott als unserem Inneren hinwenden, bringen wir Gott in unser alltägliches Leben. Wir brauchen uns nicht in exotischer Weise oder in einer bestimmten Form Gott anzunähern. Ich möchte einen leeren Raum schaffen, in dem die Menschen sich total erfahren können. Dann begegnen sie sich jenseits ihrer Konditionierungen und jenseits alter Verhaltensmuster. Wenn die Menschen ihre Muster sehen, können sie über diese reflektieren und in neuer Weise handeln.
Frage: Kann man sein Selbst erreichen, wenn man sich selbst nicht liebt?
Sri Vast: Nein. Aber die Wahrheit ist, jeder liebt sich selbst. Es ist unmöglich, das nicht zu tun. Du kannst Liebe nicht in anderen Menschen erkennen, ohne dich zu lieben! Auch wenn du glaubst, dass du dich nicht liebst, kaufst du Kleidung und Nahrung für dich. Das geschieht aus Liebe zu dir selber. Wenn du dies erkennst, hast du die Möglichkeit, dir der Liebe bewusst zu werden. Es ist nicht nötig das Lieben zu lernen, sondern man muss nur erkennen, auf welche Weise man sich selbst liebt. Liebe liegt dem Leben zugrunde. Wenn Leute über Liebe reden, sprechen sie nicht wirklich über die Liebe selber, sondern sie verwenden „Liebeworte“. Wir werden konditioniert, uns über Liebe in einer gewissen Weise auszudrücken. Wenn ein Mensch sich nicht in deiner Sprache ausdrückt, dann sind es einfach nur Worte für dich. Er empfindet Liebe, bringt das aber anders zum Ausdruck. Eine Übersetzung ist nötig. Die Rolle des Lehrers ist es, das zu verstehen und bei der Übersetzung zu helfen: Dir zu helfen, die Liebe jenseits der Sprache zu verstehen – die Liebe in jedem Moment zu erfahren! Inspiriert durch die Liebe zu deinem Selbst, wirst du andere lieben. Wenn du deine Ausdruckweise von Liebe gründlich untersuchst, dann kann dir auch bewusst werden, wie du die Liebe in deinem Leben ausdrückst und auch, wie dusie blockierst, und damit er
öffnen sich dir ganz neue Wahlmöglichkeiten.
Frage: Was hat es mit dem Ego auf sich? Muss ich das Ego fallen lassen oder muss ich es überwinden?
Sri Vast: Das Ego ist aktiv, wenn du handelst, um
von anderen gesehen und respektiert zu werden. Das Ego ist mit dem Verstand verbunden. Es hat eine Vergangenheit und eine Zukunft. Ein Kind handelt um zu überleben, nicht um sich beliebt zu machen. Kinder handeln rein, dem Moment entsprechend, völlig frei und unschuldig. Der Verstand und das Ego sind auf die Zukunft ausgerichtet, als eine Fortsetzung der Vergangenheit. Von innen heraus zu handeln, dem Moment entsprechend, bedeutet das innere Selbst zu erleben. Das ist es, erwacht und meditativ zu leben, das, was wir Erleuchtung nennen. Wenn du so lebst, wirst du nicht von deiner Ignoranz beherrscht werden. Dann wird diese nicht dein Leben bestimmen. Dann bist du dein Selbst.
Frage: So zu leben, wie Kinder leben wird oft als selbstsüchtig bezeichnet.
Sri Vast: Das ist keine Selbstsucht, sondern Selbst-Fülle. Ich lehre Selbst-Fülle. Du wirst es vielleicht Selbstsucht nennen. Diese Art von Selbstsucht ist sehr gut, weil es der einzige Weg ist, dein Selbst zu kennen. Du bist das Selbst jenseits all deiner Vorstellungen. Dein Selbst ist deine innere Quelle, deine wahre Natur. Das Selbst hat keine Intention und kennt keine Zukunft. Es ist jeden Moment frisch, wie eine neu erblühte Blume, die den Duft dieses Augenblicks genießt. Das ist Meditation. Ich will, dass die Menschen jeden Moment in Meditation leben. Einige Leute sagen, dass sie eine halbe Stunde täglich meditieren. Das heißt, dass sie 23,5 Stunden nicht meditieren. Diese Menschen haben es übernommen, einen Unterschied zwischen Meditation und dem Leben zu machen, so wie viele Religionen Gott vom Leben abtrennen. Wenn Meditation ein Akt wird, ist sie nicht Teil des Augenblicks. Meditation bedeutet, total zu leben, am Leben hundertprozentig teilzunehmen und dies zu feiern. Nur durch Feiern triffst du Gott. Es ist ein großes Missverständnis zu glauben, dass man Gott erreicht könnte, indem man das Leben verneint.
Frage: Lehrst du dies die Menschen, die deinen Ashram besuchen?
Sri Vast: Ja, wir teilen gemeinsam unser Feiern. Hier wird der Raum geschaffen, um im Jetzt zusammenzutreffen: jenseits der Vergangenheit, jenseits der Zukunft, jenseits von Bedingungen, jenseits der Vorstellungen der Leute. Mein ganzes Bemühen ist es, Leere zu schaffen, in der das
Selbst erkannt werden kann. Dieses Bestreben
geschieht mühelos, das ist der Zweck des Ashrams. Hier wird alles unternommen, um den Menschen dabei zu helfen, ihre wahre Natur zu finden. Nur indem wir natürlich sind, können wir erleben, was Gott ist. Gott ist über-natürlich, im höchsten Maße natürlich. Wenn wir natürlich sind, werden wir wie neugeborene Kinder, die jeden Moment unkonditioniert erleben.
Frage: Das sagte Jesus auch, dass wir wie die Kinder werden müssen, um ins Himmelreich zu gelangen.
Sri Vast: Ja, auch Jesus zeigte uns den Weg von dem unnatürlichen Zustand zu unserer wahren Natur. Und er sagte, dass das Königreich des Himmels in uns ist. Die Leute sind mit ihren unnatürlichen Dramen beschäftigt, ihren antrainierten Zuständen. Wenn du dir deines unnatürlichen Zustandes bewusst wirst, hast du die Möglichkeit natürlich zu werden. Dann werden alte Muster ungültig und du verlierst die emotionalen Bindungen an diese Muster. In deinem natürlichen Zustand gehst du auf im Über-Natürlichen. Darin erlebst du das Unendliche, das Königreich des Himmels, auf das Jesus sich bezog.
Frage: Geht es darum bei der Erleuchtung?
Sri Vast: Ja, ein erleuchteter Mensch erlebt jeden Moment authentisch in seiner Natürlichkeit. Dabei gibt es kein Kämpfen. Das erscheint nur im unnatürlichen Zustand, in deinem Verstand, in deinen Mustern.
Frage: Gibt es für einen Erleuchteten kein Leiden?
Sri Vast: Nein, denn Leiden geschieht im Verstand. Der auf Vergangenheit und Zukunft ausgerichtete Verstand erschafft Leiden. Leiden geschieht aufgrund von Anhaftungen.
Frage: Wie gelangt man zur Erleuchtung?
Sri Vast: Natürlicher Weise bist du erleuchtet, aber du hast es vergessen. Deine Ignoranz ist das Hindernis, dein Selbst zu erreichen. Von deiner Ignoranz wirst du befreit, wenn du dich hingibst. Hingabe ist der Schlüssel für Selbsterkenntnis. Du kannst dich allem hingeben: einem Stein, einem Baum, einem Menschen. Totale Hingabe ist ein egoloser Akt, bei dem du nicht zwischen dir und dem unterscheidest, dem du dich hingibst. Du gibst deine Ignoranz hin. Deine Ignoranz ist nichts anderes als deine Identifizierungen, dein Verlangen, dein Vergleichen und die Unterscheidungen, die du vornimmst. Du gibst deinen „Ego-Status“ hin. Wenn dies geschieht, identifizierst du dich nicht länger mit deinem Ego, deinem Verstand und auch nicht mehr mit deinem Körper. Dann sind da keine Erwartungen mehr. Große Stille taucht in deinem Innern auf. In dieser Stille er
kennst du das Selbst. Du erhebst dich von der Egostufe zur Selbst-Ebene. Du bist dein unendliches Selbst.
Frage: Wenn du jemanden triffst, verbindest du dich dann mit dessen Selbst? Kannst du die Schmerzen der Leute empfinden?
Sri Vast: Ja, weil ich in meinem Selbst ruhe, kann ich auch das Selbst in anderen Menschen sehen. Ich begegne dem natürlichen, freudigen Selbst in den Menschen. Darum haben wir soviel Spaß im Ashram. Wir feiern jeden Tag, jeden Moment. Ich kann auch das Kämpfen der Leute, den Schmerz und ihre Ignoranz sehen. Ich sehe den Gott in dir und ich kann mit diesem Gott spielen. Darum nehme ich alle und alles als erleuchtet wahr.
Ich bin nicht hier, um dir zur Erleuchtung zu verhelfen, aber um dich darin zu unterstützen, dich selbst zu realisieren, sodass dein Leben transformiert werden kann. Ich sehe dich nicht als unerleuchtet an, denn dann wärest du weniger als ich, was nicht wahr ist. Wenn ein Mensch erleuchtet ist, wenn Realisation geschehen ist, ist auch die Welt dieses Menschen erleuchtet. In dieser Welt wird der Mensch alles als erleuchtet erleben. Erleuchtung ist nicht etwas, das im Leben eines Menschen einmal geschieht. Es passiert jeden Moment in deinem Leben, in jeder Annäherung, die total im Jetzt geschieht.
Frage: Werden die Leute dies erfahren, wenn sie sich in deinem Ashram aufhalten?
Sri Vast: Diese Möglichkeit ist gegeben. Die Menschen haben die Wahl. Sie sollen nicht hierher kommen, um erleuchtet zu werden, sondern um mit uns die erleuchteten Momente zu feiern. In meiner Welt bist du bereits völlig erleuchtet. Komm hierher, um deine wahre Natur zu erkennen und dieses Erkennen zu feiern.
Frage: Was bedeutet Spiritualität für dich?
Sri Vast: Spirituell zu sein bedeutet für mich, natürlich zu sein. Ich breche mit den alten Vorstellungen, wie man spirituell sein sollte. Für mich gibt es keine Dogmen, keine Glaubenssysteme, nur eine geerdete, praktische Spiritualität. Alle Kinder sind von Natur aus spirituell. Die Art und Weise, wie sie von den Erwachsenen aufgezogen werden, hilft ihnen dabei, ihre Natürlichkeit zu behalten oder sie abzublocken.
Meiner Mutter wurde von vielen Leuten gesagt, dass ich ein besonderes Kind sei. Ich machte ihr später klar, dass sie von ihrem Verstand hereingelegt worden ist, als sie dies glaubte. Wenn man von einhundert Kindern eines als etwas Besonderes heraushebt, dann sind die anderen 99 nichts Besonderes und damit schaffen wir Trennungen. Diese Art von Trennungen beseitigt die Spiritualität im Leben eines Menschen. Wir sind alle etwas Besonderes! Wenn du frei von diesen Vergleichen und Trennungen bist, dann bist du spirituell. Der spirituelle Mensch steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Der spirituelle Mensch richtet sich auf sein Sein aus, er beschäftigt sich nicht damit, etwas erreichen zu wollen und Dinge anzuhäufen.
Frage: Du bist auch in Europa tätig, ja?
Sri Vast: Ja, auch die Menschen im Westen müssen erwachen. Heute strebt der Osten nach dem materialistischen, stressigen Lebensstil des Westens. Wenn der Westen eine Transformation durchmacht, wird der Rest der Welt nachfolgen.

Sri Vasts Ashram ist ein Zentrum für Wachstum und Transformation, ein harmonischer Platz um zu lernen und um die innere Wahrheit zu finden, um näher zu sich selbst zu kommen. Es ist ein Treffpunkt für Menschen, die Erneuerung und Wachstum anstreben.

Festivaltermine: Fr. 2.6. 14.00 Uhr
So. 4.6. 14.00 Uhr