Wahrhaftigkeit für alle Schüler und Lehrer des Lebens

von Shaubhavati Hörler

Alle, die wir diesen Weg gehen, tragen in uns die Sehnsucht, bei uns selbst anzukommen. Da wir alle in uns den Schmerz des Getrenntseins tragen und dadurch das Selbstvertrauen tief erschüttert ist, beginnen wir anderen die Fragen zu stellen, die in uns sind. Sage Du mir: Wer bin ich? Was Soll ich tun? Was sind meine Begabungen? Und je mehr diese Antworten uns gefallen, je mehr sie gerade den unerlösten Aspekten unseres Egos schmeicheln, desto mehr fühlen wir uns oftmals zu einem Lehrer hingezogen. Denn endlich ist da wer, der unsere Narben heilt, der uns sieht, der scheinbar all das weiß, was wir verloren zu glauben haben. So wird der Lehrer zum Heiler, zum Heilbringenden und dann über diesen Weg oftmals zum Heiligen. Doch gerade hier ist die Falle. Die schmale Gradwanderung, auf der jeder von uns wachsam bleiben sollte. Denn wenn ich begonnen habe, den Lehrer als Heiligen zu sehen, ihn als allwissend betrachte, beginnt Abhängigkeit. Es wird bequemer, zu fragen, anstatt selbst zu suchen, es wird bequemer, sich zu verneigen und ein konkretes Gegenüber zu verehren, als aufrecht den Weg der Hingabe alleine zu Gott Vater/Mutter zu gehen.

Siehe jeden Lehrer als eine Hand, die Dir gereicht wird, die Dir Liebe und Halt schenkt, für einen Augenblick. Versucht diese Hand sich um Deine zu schließen, Dich festzuhalten, werde aufmerksam. Dann ziehe Deine Hand zurück und gehe. Denn die Freiheit ist das Kostbarste, was jedem Wesen gegeben wurde. Bewahre sie in jedem Augenblick. Beginnt Abhängigkeit, verändert sich im gleichen Augenblick Deine Ausrichtung. Zwischen der Quelle, zwischen Gott selbst und Dir sollte niemals etwas stehen. Erkenne, dass die Abhängigkeit, die entsteht, eine gegen seitige wird.

Die Gefahren des Lehrerseins liegen dort, wo die Schüler beginnen zu übertragen. All die Liebe, die Vater und/oder Muter weder gegeben noch angenommen haben, beginnt zu fließen. Endlich gehalten und gesehen werden. Endlich angenommen sein. Und so schließen sich in diesem Kreis viele Lücken, die jeder von uns schmerzhaft erfahren hat. Auch für den Lehrer. Und hier liegt die größte Falle im Lehrersein. Die Schüler wollen, dass der Lehrer seine Macht annimmt. Und der Lehrer? Er wird geprüft in jedem Augenblick. Geprüft in seiner Wahrhaftigkeit. Denn solange wir als Mensch auf der Erde sind, unterliegen wir alle den gleichen Gesetzen und damit auch den gleichen Versuchungen. Unabhängig von der eigenen spirituellen Entwicklung birgt das Menschsein Bedürfnisse und Sehnsüchte in sich, die gekoppelt sind an das Körpergebundensein. Geld, Sexualität und Macht sind die Prüfungen, die jedem auferlegt werden auf seinem Weg. Und gerade das Lehrersein macht es vielen leicht, alle im bisherigen Leben entstandenen Defizite endlich auszugleichen. Bereitwillige Schüler sind oftmals bereit, für den geliebten Lehrer alles zu geben, alles aufzugeben und sich selbst hinzugeben. Alte Abhängigkeitsstrukturen werden verlassen, um sich in neue hineinzubegeben. Die größte Illusion, der wir folgen, ist die, dass wir glauben, dass ein anderer Mensch uns Absolution erteilen kann und wir dadurch Erlösung oder gar Erleuchtung finden.

Die letzten Schritte auf seinem Weg muss jeder alleine gehen. Der Weg zu Gott ist nicht linear und nicht erreichbar über Erfahrungen, die von außen zu uns kommen. Wenn wir Gott oder die Quelle finden wollen, müssen wir bereit sein, alles loszulassen, vor allem die Vorstellungen über uns selbst. Wir finden uns dann nicht mehr gespiegelt im Außen, nicht über Hinwendungen oder Bestätigungen, nicht eingebunden in Strukturen, nicht verankert über Gemeinschaften. In der Ausdehnung eines einzigen Augenblicks, in einem einzigen Augenblick der Loslösung aus allem, können wir den Funken in uns finden, der sich im Erkennen entzündet und uns die Offenbarung der Einheit schenkt. Und dann hören wir auf, bedürftig zu sein. Dann gibt es nichts mehr, was ein anderer Mensch hat, das wir ihm neiden müssen. Denn dann sind wir angekommen und fühlen uns aufgehoben in
uns selbst, verstanden und geliebt. Denn Gott ist Liebe. Und sie ist immer da für uns. Diese Liebe braucht keinen Vermittler. Diese Liebe macht uns frei. Unser weiterer Weg liegt dann in der Ausdehnung unseres Lichts, in dem Verströmen unserer Liebe. Werden wir dann zu Lehrern, tragen wir die Verantwortung, unsere Hände offen zu halten, zu geben und zu empfangen. Anderen Stärke zu geben, damit sie alleine gehen können. Die Augen zu öffnen, damit sie alleine sehen können. Den Geist zu befreien, damit sie eigene Gedanken haben. Das Herz zu heilen, damit sie Liebe erfahren.

Übernimmt jeder, ob Lehrer oder Schüler, die volle Verantwortung für alles, was geschieht, für alles, was man geschehen lässt, auch mit sich selbst, hören wir auf, Opfer und Täter zu sein. Jeder ist in jedem Augenblick selbstverantwortlich für alles, dessen Zeuge er ist. ‚Nein’ zu sagen im richtigen Augenblick und ‚ja’ zu sagen, wenn das Herz einverstanden ist, dies ist der Feuerlauf des Lebens. Gott heilt unsere Wunden, indem er uns liebt in jedem Augenblick, indem er bei uns ist mit jedem Atemzug. Heilung ist Gnade und kommt einzig von Gott.
Om shanti, shanti, shanti