Gaia - Es passiert von selbst

Fragender: Ich kenne dieses im Hier-und-Jetzt-Sein, dieses Gegenwärtig-Sein und Dinge bewusst tun, und es ist schon anders, als wenn ich voller Gedanken bin und in Hektik. Bei dem einen ist mehr Frieden da, bei dem anderen irgendetwas anderes. Das eine ist besser als das andere, finde ich, und es wäre mir lieber, wenn es mir öfter gut ginge und seltener schlecht.
Gaia: Mir auch. (Lachen) Nur habe ich festgestellt, dass es der Realität total egal ist, was ich will. Was ich weiß ist: Auch wenn ich will, dass es anders ist, ist meine Erfahrung, dass es nicht anders ist.
F.: Es geht aber nicht, nicht zu wollen. (Stille, Schauen geschieht)
Gaia: Welche Schwierigkeit ist hier jetzt?
F.: (lacht) Es ist ja immer das Gleiche. Wenn ich hier vorne bei dir sitze, ist alles in Ordnung. Das ist aber ein Trick. Denn wenn ich morgen früh aufwache und zur Arbeit muss, ist es nicht so. Aber dann sagst du: „Morgen ist morgen. Wir sind jetzt hier.“
Gaia: Ja, wir sind jetzt hier. Und ich weiß nicht, was morgen ist. Ich weiß, wenn ich mich mit der Vergangenheit beschäftige, wird das meistens sehr anstrengend und unangenehm, und ich beschäftige mich mit etwas Totem. Es ist vorbei, es ist gar nicht da. Zudem erschaffe ich mir damit eine Zukunft. Denn wenn du davon sprichst, morgen früh zur Arbeit zu gehen, sprichst du eigentlich von gestern oder heute früh, also von der Vergangenheit.
F.: Ich projiziere.
Gaia: Und das lässt mich in der Geschichte sein, dass ich jemand bin, der irgendetwas besser machen könnte. Dein Versuch, der hier gerade stattfindet, ist es, eine Lösung für morgen früh zu finden.
F.: Genau.
Gaia: Unser Verstand ist so geschickt, er sagt uns: „Ja, wenn ich hier bei dir sitze, geht es mir gut. Aber das ist ein Trick.“ Was passiert ist, dass die Aufmerksamkeit direkt hier in die Präsenz geht. Das hat nichts mit mir zu tun. Alles, was ich mache, ist, dich darauf hinzuweisen. Es passiert von selbst. Dein Interesse ist da, und das ist schon die halbe Miete, könnte man sagen. Dann ist tatsächlich auch nicht einmal wirklich ein Gefühl da, jemand zu sein, der getrennt ist von dem Moment. Aber da ist eine Aktivität, die immer wieder auftaucht: „Gaia und ich.“ In dem Moment, in dem die Aufmerksamkeit hier ist, ist nicht einmal eine Idee da von Präsenz oder von Gegenwärtigkeit oder Leere oder irgendetwas. Das kommt immer erst, wenn der Verstand wieder einsetzt und interpretiert. Das ist einfach eine Aktivität, die stattfindet, ziemlich konstant eigentlich. Aber noch konstanter ist das da, was sich darüber bewusst ist. Es ist die ganze Zeit da – und du bist dir darüber bewusst. Geht die Aufmerksamkeit zu DEM, ist die Idee von: „Ich brauche..., ich will..., ich muss...“ wenigstens für einen Bruchteil einer Sekunde verschwunden. Dann taucht ein Zustand auf, und wir wollen diesen Zustand haben. Der Zustand, der auftaucht, ist aber immer unterschiedlich. Manchmal ist es Glückseligkeit, manchmal ist es Stille, manchmal Frieden, manchmal Schmerz oder Trauer. Schmerz oder Trauer wollen wir nicht, wir wollen nur Frieden und Glückseligkeit. Das ist genauso, als wenn ich sagen würde: „Ich will, dass es mir nur gut geht.“ Dein natürlicher Zustand ist schon Glückseligkeit – ohne, dass das gewollt wird.
F.: Das heißt dann?
Gaia: Nichts. (Lachen) Das heißt: Entspann dich. Es gibt nichts zu erreichen.
F.: Wenn du sagst, dass es überhaupt nichts bringt, über die Vergangenheit nachzudenken, stimme ich dir zu. Das Problem ist nur, dass ich das nicht so beeinflussen kann.
Gaia: Wenn dein Interesse ist, im Moment zu sein, siehst du, dass dieses Interesse dich wieder in den Moment zieht. Es gibt auch Menschen, die haben dieses Interesse nie gehabt und ihre Aufmerksamkeit ist hier und jetzt und ist auch nicht mehr weggegangen. Aber Interesse ist schon sehr hilfreich.
F.: Die Aufmerksamkeit auf den jetzigen Moment zu richten. Habe ich das richtig verstanden, dass das alles ist, was ich tun kann?
Gaia: Du kannst nicht einmal die Aufmerksamkeit ins Hier und Jetzt richten, aber du kannst schauen, wo sie gerade ist. Das ist eine Möglichkeit, die immer da ist. Aber oft denken wir gar nicht daran. Wenn dieser Gedanke kommt zu schauen, wo denn die Aufmerksamkeit ist, geschieht das durch Gnade! Es ist ein großes Glück.
F.: Ich habe letzte Woche geübt, ein bisschen mehr präsent zu sein. Es hat auch ganz gut funktioniert. Aber nur zwei Tage lang.
Gaia: Immerhin.
F.: Ja, und es war schon sehr angenehm, muss ich sagen. Aber dann war es wieder weg. Für mich ist das schwer, dies zu tun.
Gaia: Hier ist jetzt überhaupt keine Anstrengung notwendig, um präsent zu sein. Jede Anstrengung, die du unternehmen würdest, um präsent zu sein, bringt dich scheinbar weg. Hier muss nichts verstanden werden. Papaji sagte immer: „Eine Millisekunde mit der Aufmerksamkeit hier – das reicht.“ Das reicht fürs ganze Leben, weil das so wunderbar ist, dass du dich danach sehnst, da zu sein. Es weckt das Interesse. Es ist so simpel, gar nichts zu tun, oder? (Lachen)
F.: Ja, es ist schon einfach. Das ist richtig.
Gaia: Hier im offiziellen Satsang können wir das einfach üben, anstrengungslos und ohne irgendwo hinkommen zu müssen. Wir dienen uns hier alle gegenseitig. Es sieht so aus, als wäre ich präsenter als du, aber es sieht nur so aus. Es gibt keinen Unterschied. Präsenz ist Präsenz.
F.: Was heißt eigentlich Präsenz? Ist das die Abwesenheit von Gedanken?
Gaia: Nein. Präsenz ist ein Zulassen von dem, was hier ist. Egal, wie es ist. Damit meine ich nicht, nicht mehr zu handeln. Zulassen von dem, was ist, heißt auch, die Handlung zuzulassen. Man kann es so schnell missverstehen: „Zulassen heißt, ich muss alles über mich ergehen lassen. Egal, welche Situation da ist, ich muss drin bleiben.“ Ich kann, wenn es kalt ist, ruhig aufstehen und das Fenster zumachen.
F.: Ich danke dir.

Festivaltermine:
Fr. 2.6. 14.00 Uhr / M0. 5.6. 15.15 Uhr